Wüste Lut, Iran – auf Kaluts klettern und in der Wüste baden

Wüste Lut: Blick auf die Kaluts.

In unseren zweiten Woche im Iran zieht es uns von Shiraz weiter nach Kerman, in den Osten des Landes. Am nächsten Tag wollen wir in die Wüste Lut, sie soll der heißeste Ort des Planeten sein. Satelliten haben hier mal 70 Grad gemessen – im Schatten, versteht sich. Die Wüste Lut (Dasht-e Lut) ist unfassbar groß und insofern etwas besonderes, dass sich hier mächtige, verwitterte Tafelberge auftürmen. Sie werden Kaluts genannt. 

Im Sommer sollte man einen großen Bogen um die Wüste machen, doch jetzt Herbst ist es am Nachmittag mit etwas mehr als 30 Grad durchaus erträglich. Wir starten am frühen Morgen mit unserem Guide Sajad und machen uns auf den Weg in Richtung Mahan. Mit dabei sind noch die beiden Portugiesinnen Susanna und Paula. Damit wir nicht in der Mittagshitze in der Wüste sind, schauen wir uns vorher den Shazade Garten und das Shah Nematollah Mausoleum an. Sajad, unser Guide, erzählt viel wissenswertes zu Architektur und Geschichte. Sajad ist ein supercooler Typ, doch mit dieser Guide-Situation tue ich mich sehr schwer: In der Gruppe durch Sehenswürdigkeiten zu schleichen, gemeinsam stehenbleiben, gemeinsam weitergehen – mir ist das zu viel und vor allem zu langweilig, ziehe mich aus der Gruppe zurück, laufe in die Stadt, hole mir einen frisch gepressten Karottensaft und beginne mir ernsthaft Sorgen zu machen, schließlich sind wir die nächsten drei Tage aneinander gefesselt. Ohne Guide durch die Wüste zu wandern, ist hingegen auch keine Option. Das dürfte klar sein.

Die Wüste Lut (Dasht-e Lut) ist nicht nur groß, sondern auch sehr facettenreich: Sie besteht nicht nur aus den Kaluts, sondern auch aus riesigen Sanddünen, die es in puncto Größe durchaus mit jenen in Arabien aufnehmen können, dann gibt es kleinere Abschnitte, die aus Geröll bestehen, andere mit kleinen Hügeln, die Einheimischen nennen sie Eierhügel oder Kamelhügel, ein anderer Teil besteht aus massiven Gebirgen. Berge mit einer Höhe von mehr als 4000 Metern sind hier keine Seltenheit. Am Nachmittag erreichen wir den Teil der Wüste Lut, in dem sich die Kaluts erstrecken. Von der Straße aus kann man schon die ersten Jeeps sehen, wie sie mit Touristen besetzt durch die Wüste jagen und sich an einem bestimmten Spot nahe der Straße sammeln. Ätzend, denke ich und bin froh, dass wir weiter fahren. Irgendwann biegt Sajad ab und fährt weit in die Wüste hinein. Puh, ob das gut geht, schließlich sitzen wir nicht in einem Jeep mit Allradantrieb, sondern in einem ganz normalen Auto. Selbstverständlich geht es gut, Sajad kennt sich aus und hält nach ein paar Kilometern an. Der erste Anblick der Kaluts nach dem Aussteigen: einfach atemberaubend. Sie sind groß – und schön.

Sajad zeigt auf einen der brauen Tafelberge, sagt: „Das ist der höchste. Da gehen wir jetzt hoch.“ No way, denke ich. Ich habe schon jetzt Herzrasen because of Höhenangst. Sajad sagt: „Let’s go!“ Also gehen wir.

Die ersten Höhenmeter überwinden wir, indem wir durch Sand laufen. Ha, ist wirklich gar nicht so wild, anstrengend aber nicht tödlich. Schließlich erreichen wir eine flache Anhöhe, die ersten hundert Bilder werden gemacht, wir sind alle mächtig beeindruckt – die Wüste ist so schön und still, man möchte fast religiös werden.

Ein weiteres „Let’s go!“ ertönt, ich drehe mich um, Sajad zeigt auf die Spitze des Kaluts. Wir ziehen los, es wird anstrengend, der Sand verschwindet, wir klettern an steilen Abgründen entlang – ich habe Herzrasen, schaue nur noch auf meine Füße. Schließlich kommen wir oben auf einem flachen Plateau an – am Ende des Tages werde ich mächtig stolz sein es nach oben und auch wieder runter geschafft zu haben. Lange sitze ich noch mit Sajad zusammen im Garten unserer Ecolodge, wir reden und lachen viel – schlussendlich ein bisschen zu viel, in zwei Stunden müssen wir schon wieder abfahrbereit sein, denn am nächsten Morgen wollen wir schon auf einen anderen Kalut geklettert sein – Sonnenaufgang und so…

Beim Aufstieg bin ich diesmal frohen Mutes, er ist anstrengend, aber nicht sonderlich kompliziert. Doch kurz dem Ende der ersten Etappe – ganz ohne Vorwarnung – erwischt mich meine Höhenangst eiskalt. Ich kann mich kaum bewegen, die letzten Meter schaffe ich nur mit Sajads Hilfe. Ich setzte mich, traue es mir nicht, mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Während die anderen noch ein bisschen weiter klettern, den Sonnenaufgang genießen, klammere ich mich manisch am Felsen fest, Sajad versucht mich abzulenken. Nach 45 Minuten traue ich es mir zumindest, ein paar wenige Fotos zu machen, doch die Angst kommt schnell wieder zurück. Der Abstieg ist ebenso wenig wild, wie es der Aufstieg war. Als wir am Ende wieder unten ankommen, bin ich nicht nur heilfroh, sondern sehe auch ganz schön zerknittert aus.

Baden in der Wüste Lut

Tagsüber werden wir dann viel mit dem Auto in der Wüste unterwegs sein: Unser Ziel ist Keshit, eine kleine Oase mitten in der Wüste Lut. Hier wollen wir irgendwann was essen – und baden, sagt Sajad. „Baden?“ „Ja, baden!“ Und es ist wahr: Kurz vor Keshit befindet sich eine Schlucht, wer hier hinunterklettert, kommt am Ende bei einem kleinen See mit Wasserfall raus. Der Canyon befindet sich mitten im Nirgendwo, drumherum nur beige-braunes Gebirge und Wüste, unten Palmen und große Felsen. Wir nehmen nur das Nötigste mit (und eine vier Kilogramm schwere Wassermelone), denn der Abstieg ist nicht ganz ohne: steil, teils verschlammt, teils schroff). Unten angekommen springen wir sofort ins Wasser. Sajad sagt, Bikini ist okay, ich habe mich dennoch dafür entschieden, mir ein Shirt und eine Badehose von S zu leihen. Am Ende ist das aber auch egal, denn so wie wir jetzt gekleidet sind, ist das schon lange nicht mehr scharia-konform und damit strafbar. Aber will das mitten in der Wüste schon überprüfen?

Viele Touristen wollen, wenn sie in den Iran reisen, einmal auf einer der legendären iranischen Partys gewesen sein, bei denen der Alkohol in Strömen fließt. Auch wenn ich den Reiz des Verbotenen grundsätzlich gut nachvollziehen und verstehen kann, triggert er mich hier nicht: Ich sehe keinen Grund, mir den selbstgebrannten Fusel hinter die Binde zu kippen, der sich hier Wein nennt, wo ich doch im Rest der Welt für einen Zwannie ´ne wirklich gute Flasche bekomme. Mitten im Iran hingegen als Frau einfach baden zu gehen, ist da schon deutlich eher meine Spielwiese. Für mich wird es einer der glücklichsten Momente dieser Reise sein.

Wüste Lut: Die bunten Berge von Rayen.
Iran: Oase in der Wüste Lut.
Iran: Straße in der Wüste Lut.
Wüste Lut: Blick auf die Kaluts.
Wüste Lut, Iran: Auf dem Gipfel eines Kaluts.
Kaluts in der Wüste Lut.
Kaluts in der Wüste Lut.
Kaluts in der Wüste Lut.
Kaluts in der Wüste Lut.
Wüste Lut, Iran: Eierhügel, auch Kamelhügel genannt.
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>> Den Artikel habe ich geschrieben für die Blogparade von https://ousuca.com

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