Wer nach Varanasi kommt, der kommt, um zu sterben

Brahmane beim Ganga Aarti-Ritual an einem der der kleinen Ghats in Varanasi. © www.vayan.de

… ist er denn Hindu. Varanasi ist nicht nur die älteste, durchgängig bewohnte Stadt Indiens, sondern die älteste besiedelte Stadt der Welt. Für Hindus ist sie aber vor allem eine der heiligsten Städte des Landes. Wer kann, der versucht hier, dem ewigen Kreislauf des Lebens zu entkommen, hier zu sterben, seine Asche in der Mata Ganga, wie der Mutterfluss Ganges genannt wird, verstreuen zu lassen, um schließlich ins Moshka, dem Hindu-Äquivalent zum buddhistischen Nirvana, einzutreten. In dieser Hinsicht nehmen sich Hinduismus und Buddhismus nicht viel, in Sachen Lautstärke jedoch eine Menge. Wenn man so will, ist der Hinduismus das Hard Rock-Café unter den Religionen. Wer schon einmal an einem Hindu-Tempel während einer Zeremonie vorbeigelaufen ist, der weiß, wovon ich spreche. Man mag es gerne laut. Richtig laut.

Wenn man sich mal so durchs Internet wühlt, dann findet man zahlreiche Horrorgeschichten über Varanasi: Der Ganges ist ein verdrecktes Moloch, auf dem Leichen treiben, es riecht nach verbrannter Haut, Krankheiten an jeder Ecke und als sei das alles noch nicht genug, soll Varanasi auch die Betrüger-Stadt Indiens schlechthin sein, heillos überfüllt, heillos dreckig und – wie so oft in Indien – von allem zu viel. Mystisch soll es dann aber doch wieder sein, was dann folgt ist meist pseudo-spirituelles Geschwurbel über Leben und Tod. Die einen sagen, die Stadt habe ihr Leben verändert, die anderen, sie habe sie auseinandergenommen.

Als wir nach 16 Stunden im Zug den Bahnhof verlassen, präsentiert sich Varanasi wie jede andere indische Durchschnittsstadt auch: grau, bleiern, Modernisierung um jeden Preis. Ganz anders jedoch die Altstadt: noch mehr Menschen, wunderschöne Bausubstanz, die so langsam vor sich hin rottet und enge, dunkle Gassen, durch die sich die Menschenmassen schieben – und tausende Gerüche. Das ist insofern erwähnenswert, weil es das sonst nie gibt. Ja, ja, ich weiß, Indien, das Land der Millionen Aromen, an jeder Ecke riecht es anders – wenn man mich fragt, alles leere Worthülsen, die meiste Zeit riecht es in den indischen Großstädten nach Urin, manchmal nach Frittiertem, manchmal nach Räucherstäbchen, doch der prägendste Geruch ist Urin. Klar, ´ne Tourismus-Marketingkampagne will man daraus nicht stricken. Aber wenn mal kurz drüber nachdenkt: Wie soll es hier denn auch sonst riechen? Kühe, Menschen, Hunde, alle nutzen die Straße. Doch für Varanasi gilt, was die Reiseführer schreiben: Indien ein Land für alle Sinne.

Chanti, Chanti, Chaaanti: Die Pujas am Ufer des Ganges

Nichts prägt Varanasi so sehr wie der Ganges. Hier befinden sich die Ghats, die Steinstufen, die zum heiligen Fluss führen, und hier finden auch die Pujas statt, die allabendlichen Zeremonien zu Ehren des Ganges. Bei der Hauptzeremonie am Dashashwamedh-Ghat senden fünf Brahmanen synchron, begleitet von Chant-Gesängen und monotonen Rhythmen ihre Gebete zum Ganga, ihm, der Gottheit Shiva und dem ganzen Universum zu Ehren.

Das Ritual folgt einer festgelegten Abfolge, während die Brahmanen auf den Ganges blicken. Dass sie den Fluss während der Zeremonie sehen, ist fraglich, denn auf dem Wasser ankern große Boote von denen weiße Touristen glotzen.

Nun kann man davon halten, was man will, ich bin davon jedenfalls kein Fan. Wir sitzen hingegen an unprominenter Stelle auf den Steinstufen des Ghats bei den Gläubigen werden immer wieder von brennenden Öllampen eingeräuchert, Farbe wird uns ins Gesicht geschmiert, stehen alle anderen auf, tun wir es auch, gleicht gilt, klatschen sie in die Hände. Ohne zu wissen, was wann aus welchem Grund passiert, bin ich dennoch ergriffen von der Atmosphäre, von der Gemeinschaft, vom kollektiven Moment eingewoben in die Chants, die aus den Lautsprechern dröhnen.

S kann dem Ganzes hingegen nicht viel abgewinnen und als wir uns später zum Essen mit unserer Freundin Gao, eine Chinesin, die wir in Agra kennengelernt haben, treffen, wird sie sagen: „Oh it was reeeeeealy boring! So so boring.“ Wir werden mit Gao viel Zeit in Varanasi verbringen. Sie reist allein und wir glauben, dass ihr ein bisschen Gesellschaft gut tut. Dabei ist es auch ganz witzig mal aus der Nähe zu erleben, wie chinesische Individualtouristen mit dem indischen Wahnsinn umgehen, solche trifft man nämlich selten. Öfter zu sehen sind hingegen chinesische Reisegruppen mit Chinesisch sprechendenden Touristenführern. Und egal, wo man sie auf der Welt trifft, immer ist ihnen gleich, dass es ihnen ganz unmöglich scheint, etwas anderes zu essen, als chinesisch. Ob in Europa, im Iran oder Indien überall haben sie ihr eigenes Essen dabei. Gao ist da anders, schon weil sie sagt, sie kann ja jetzt nicht für ein halbes Jahr Lebensmittel einpacken. Aber geheuer ist ihr das indische Essen dennoch nicht. Als ich sie frage, warum nicht, schließlich ist die indische Küche ja zumindest scharf, sagt sie: „Ja, aber es ist ein anderes scharf. Und was soll das überhaupt mit dem Masala hier? Habt ihr das mal probiert?“ und verzieht das Gesicht. Wir lachen, ja, haben wir probiert und für gut befunden. Gao zuliebe gehen wir von nun jeden Abend in ein koreanischen Restaurant essen und – ehrlich gesagt – sind auch wir ganz dankbar für die Abwechslung. Ich muss auch sagen, ich habe mir mehr von der indischen Küche erhofft: Versteht mich nicht falsch, schmeckt schon alles super, aber die wenigsten Gerichte sind überraschend gut. Noch dazu kommt, dass das Essen extrem fettig und reichhaltig ist. So ist es auch kein Wunder, dass die meisten Inder, so denn sie denn regelmäßig essen, übergewichtig sind. Auch Diabetes ist ein großes Problem. Als wir in Sodawas waren, sagte Bophal zu uns: „Jeder Dritte hier hat Diabetes.“ 

Die Verbrennungs-Ghats: Varanasi sehen und sterben

Die Feuer an den Verbrennungs-Ghats brennen schon seit vielen hunderten Jahren. Seither Tag und Nacht. Viele Hindus machen sich schon lange vor dem Tod auf den Weg nach Varanasi, denn wer ins Moksha eintreten will, der muss innerhalb von 24 Stunden in Varanasi verbrannt werden. Da ist es natürlich am besten gleich vor Ort zu sein.

Von den beiden Verbrennnungs-Ghats, dem Harishchandra und dem Manikarnika Ghat, steigen dunkle, dicke Rauchwolken auf. Wer hier arbeitet, der wird gewiss nicht alt. Etwas abseits der glühenden Hitze der Scheiterhaufen setzen wir uns hin und beobachten die Beisetzungen. Die Abfolge ist immer die gleiche: Die Leiche wird eingewickelt in Tücher auf einer Trage begleitet von Chant-Gesängen durch die engen Gassen Varanasis hinunter zum Ghat getragen, im Ganges gewaschen und schließlich auf das Holz gelegt. Der älteste Sohn umkreist den Leichnam ein letztes Mal ehe er das Feuer entzündet. Die Beisetzungen sind nahezu ausnahmslos ein all boys-club, zu oft ist es vorgekommen, dass sich verwitwete Frauen in ihrer Hoffnungslosigkeit zu ihren verstorbenen Ehemännern in die Flammen gestürzt haben.

Doch nicht jeder kann in den Ghats verbrannt werden: Schwangere, Kinder und Saddhus (heilige Männer) werden nicht eingeäschert, sondern im Ganges versenkt. Dazu fährt die Familie mit einem Boot auf die Mitte des Ganges, bindet dem Verstorbenen einen schweren Stein an die Füße und übergibt den Leichnam dem Fluss. In der Theorie sollen die leblosen Körper dann aufrecht mit dem Kopf gen Himmel, in Richtung der Götter gereckt, den Ganges hinunter treiben.

Verbrennung oder nicht, das ganze Prozedere ist, wie man sich denken kann, ein intimer Moment, sodass Touristen zwar herzlich eingeladen sind, zuzusehen, das Fotografieren jedoch strengstens verboten ist. Steht in jedem Reiseführer. Die meisten Touristen hindert das jedoch nicht daran, sich ein Boot zu mieten und Fotos aus sicherer Entfernung vom Wasser aus zu machen. Sich das allabendliche Ganga Aarti-Ritual vom Boot anzusehen, halte ich für eine Frage des Geschmacks, an den Verbrennungs-Ghats Fotos vom Wasser aus zu machen, ist hingegen schlichtweg eine Frage des Respekts. Dazu muss ich auch noch sagen, dass die meisten Leute noch nicht mal wissen, was sie da tun, ich meine so fotografisch, rein handwerklich: Mit Blitz? Wirklich Leute? 

Horrorstadt Varanasi?

Manche der Horrorgeschichten über Varanasi sind wahr: Nicht selten werden Leichen nur halb verbrannt in den Ganges geworfen und am Ufer angespült schließlich von Hunden gefressen. Und ja, es stimmt, der Ganges ist dreckig, doch bei weitem nicht so verdreckt, wie ich dachte. Das liegt hauptsächlich daran, dass kaum noch Plastikmüll im Fluss landet. Nichtsdestotrotz ist es mir vollkommen schleierhaft, wie in der dunkelgrau-braunen Brühe Fische leben können. Ohnehin kommt mir Varanasi recht sauber vor, nicht unbedingt im hygienischen Sinne, sondern eher im Sinne einer gewissen Aufgeräumtheit. Und während Varanasi der Ruf voraus eilt, eine Hochburg der Betrüger zu sein, habe ich den Eindruck, dass es die Beschreibung „geschäftstüchtig“ eher trifft. 

Unter den Großstädten Indiens ist Varanasi eindeutig eine der spannenderen.

Varanasi: Bootsfahrt auf dem Ganges. © www.vayan.de
Varanasis schöne Bausubstanz rottet so langsam vor sich hin. © www.vayan.de
Schweine tummeln sich im Plastikmüll an einem Fluss in Varanasi. © www.vayan.de
Varanasi: Jungs lassen kleine Drachenflieger am Ufer des Ganges steigen und vertreiben sich so die Zeit. © www.vayan.de
Varanasi: Blick auf die Ghats vom Boot aus. © www.vayan.de
Varanasi: Das Ganga Aarti-Ritual an einem der der kleinen Ghats. © www.vayan.de
Varanasi: Das allabendliche Ganga Aarti-Ritual am Dashashwamedh Ghat. © www.vayan.de
Varanasi: Während des Ganga Aarti geht ein Mann mit Öllampen durch die Menge der Gläubigen. © www.vayan.de
Figuren aus Kuhdung werden für die zahlreichen Festivals, die jährlich in Varanasi stattfinden, hergestellt. © www.vayan.de
Varanasi: Lodernder Baumstamm an einer Häuserwand. © www.vayan.de
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