Tabriz, Iran: Wahnsinnstage mit Ali, Akbar und Yazr

Iran: Das Land der Poeten und der Intellektuellen.

22.00 Uhr steigen wir in Teheran in den Zug. Vor uns liegt eine 13-stündige Zugfahrt in den Nordwesten des Irans nach Tabriz (Aserbaidschan). Wir haben jeweils eine Liege in einem 6er-Abteil gebucht. Was das genau heißt, wissen wir nicht. Wir finden unseren Waggon, nach ein bisschen hin- und her schließlich auch unser Abteil, vier weitere Mitreisende sitzen schon drin und wo hier die sechs Liegen sind und wie wir hier auch noch unsere Reiserucksäcke unterkriegen sollen, ist uns nicht klar. Aber da die Iranis die hilfsbereiteten und warmherzigsten Menschen on planet earth sind, ist das alles schnell geklärt. Die Rucksäcke sind verstaut, bis zum Schlafengehen sitzen wir alle zusammen auf den untersten Liegen: Jeder packt seine mitgebrachten Snacks aus, die erste Runde Tee wird bestellt. Kommunikator dieser illustren Runde ist Ali: Ali spricht ein durchaus passables Englisch, absolviert gerade seinen Wehrdienst in Teheran und ist auf dem Weg zu seiner Familie nach Tabriz. Dann ist da noch das junge Ehepaar. Sie spricht vier bis acht Worte Englisch, ihr Angetrauter kein einziges. Gleiches gilt für den Mann um die Mitte Fünfzig, der ebenfalls mit uns reist und – wie sich später herausstellt – uns alle mit seinem Schnarchen um den Schlaf bringen wird. 

Nachdem das Eis in unserer kleinen Reisegruppe erstmal gebrochen ist, ist Selfie-Zeit. Wenn man schon mit zwei lustigen Ausländern reist, sollen das doch bitte alle Freunde und alle Familienmitglieder wissen.

Jetzt noch schnell die Instagram-Accounts austauschen und schon sitzen wir zusammen und grinsen einander an. Wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin, wie gefällt es euch im Iran, seid ihr verheiratet? Ali übersetzt, was die anderen fragen und erzählt zwischendurch viel von sich: Seinen Wehrdienst absolviert er bei der Luftwaffe, möchte danach aber unbedingt Musik studieren und zwar Setar, das traditionell iranische Instrument. Seine 40 Lieblingssong spielt er uns gleich nebenbei mit dem Handy vor. Was wir jetzt noch nicht wissen, aber schon ahnen: Ali wird unser Freund. 

Die Zugfahrt nähert sich nun so langsam ihrem Ende, inzwischen haben wir acht Fantastiillionen Komplimente ausgetauscht und unzählige Tees getrunken. Keinen einzigen dieser Tees durften wir bezahlen. Ali hat inzwischen mehrfach angeboten, dass wir bei seiner Familie schlafen. Wir lehnen höflich ab, schließlich hat Ali seine Familie schon seit drei Monaten nicht mehr gesehen. In iranischer Zeitrechnung ist das eine ganze Weile. Die Wahrheit ist aber auch, dass wir viel zu fertig sind, um uns ins iranische Familienleben zu stürzen. Stattdessen beschließen wir, uns am nächsten Tag zu treffen und miteinander rumzuhängen. Dieses „Let’s hang out together!“ wird sich zu einem 16 Stunden-Marathon auswachsen, in dem wir Alis Freunden (unter anderem mit Yazr und Akbar) treffen, viel Spaß haben, gemeinsam zu Mittag essen, Tee trinken und unzählige Kilometer in Tabriz bei 28 Grad zurücklegen. Unterdessen hat Alis Mama mehrfach angerufen: Er möge uns doch bitte zum Abendessen mitbringen, sie freut sich auf die Gäste. Wir sind schon mehr als kaputt gespielt, aber willigen ein, denn auch wir freuen uns auf sie.

Tabriz: Endgegner ta´arof

Mehrere Anrufe folgen, Mama ist sehr aufgeregt. Wir sollen schnell kommen, dann lieber doch noch nicht, es ist noch nicht alles vorbereitet.

Ich bestehe unterdessen darauf, dass wir an einer Patisserie Halt machen, damit wir bei der Familie nicht mit leeren Händen auftauchen. Gastgeschenke sind im Iran gern gesehen. Ali sagt: Müsst ihr nicht! Ich sage: Ist mir aber wichtig! Als wir die Patisserie betreten, durchaus ein edler Laden, komme ich nicht weit. Ein tiefreligiöser Mann mit weißem Turban um den Kopf gewickelt, in der westlichen Welt entspricht seine Funktion der eines Priesters, will ein Foto mit uns und seiner kleinen Tochter machen. Patisserie in TabrizDie Tochter ist, wie so viele iranische Kinder, unfassbar niedlich und er ist eine wahrhafte Erscheinung: sehr groß gewachsen, sehr elegant und weltgewandt. Schließlich kaufe ich zwei große Kartons tabrizer Kekse und Baklava. Als wir schließlich bei Alis Eltern ankommen ist es bereits 22:00 Uhr. Die Mama ist eine kleine, herzliche Frau, redet gern und viel und ist sichtlich aufgeregt, nun da der Besuch endlich da ist. Unterdessen sitzt Alis Papa selig auf der Couch, lächelt und schaut uns interessiert an. Iranische Wohnzimmer sind, sodann man es sich leisten kann, unfassbar groß. In der Mitte befinden sich riesige Teppiche, am Rand zahlreiche Couches und Stühle. So ist das auch hier. Das Ende des Zimmers wird von einer gigantischen Fototapete geziert, vor der wir uns am Ende des Abend noch gemeinsam fotografieren. 

Ali, Yazr und Akbar - unsere Freunde in Tabriz.
Zu Gast in Tabriz bei Alis Familie.
Iran: Das Land der Poeten und der Intellektuellen.
Teetrinken auf dem Basar von Tabriz.
Zufallsbekanntschaften in Tabriz.
Innenhof des Basars von Tabriz.
Künstler-Teehaus auf dem Basar von Tabriz.
Dizi, der köstliche iranische Lammeintopf. (Tabriz)
Antiquitätenhändler auf dem Basar von Tabriz.
Basar von Tabriz (Aserbaidschan), Iran.
Egoli-Park in Tabriz.
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Als Alis Mama das Abendessen auf dem Teppich drapiert, schwant uns, dass sie mehrere Stunden in der Küche zugebracht haben muss – es gibt Hühnchen, Salate und andere Kleinigkeiten, selbstverständlich alles Köstlichkeiten. Ich fülle meinen Teller, doch Alis Mama ist außer sich, spricht auf Farsi, aber ich verstehe auch so, worum es geht: Ich habe mir zu wenig zu essen genommen. Wie kann das sein? Schmeckt es mir denn etwa nicht? Ich packe meinen Teller voll, versichere tausendmal, dass das Essen ganz ausgezeichnet ist und es wird sich herausstellen, dass der iranische ta´arof in mir seinen Endgegner gefunden hat. 

Ta´arof ist im Iran ein Höflichkeitsritual und kann sich in unterschiedlichen Formen zeigen: Man bietet etwas an, der Gast lehnt höflich ab, man bietet weiter an…alles in allem ist das ziemlich kompliziert, beim Essen aber ganz einfach: Hier nimmt man einfach, was angeboten wird, legt es auf den Teller und isst es dann aber nicht. Da ich aber selbst eine sehr höfliche Person bin, liegt mir ta´arof im Blut und kann das Spiel durchaus gut mitspielen. Es kommt beispielsweise nicht selten vor, dass man jemanden nach dem Weg zu einem Restaurant fragt. Die Person ist dann so freundlich und beschreibt nicht nur den Weg, sondern bringt einen direkt dorthin. Selbstverständlich würde sie dann auch gern noch das Mittagessen zahlen. Ein klassischer ta´arof. Hier muss man höflich ablehnen, die Person, wiederholt ihr Angebot vielleicht sogar noch einmal, wieder bedanken und ablehnen. Schließlich sind alle glücklich. Davon gibt es tausende Spielarten, sie zu lesen ist nicht immer einfach, – insbesondere, weil viele Iranis dann auch noch ein „no ta´arof!“ hinterher schieben – aber ich habe ein Händchen dafür. 

Mit dem Auto durch Tabriz cruisen, Shisha rauchen und beten

Am nächsten Tag sind wir wieder mit Ali, Yazr und Akbar in Tabriz verabredet. Wir rauchen Shisha in kleinen Kaffees, in die vermutlich sonst noch nie eine Frau einen Fuß gesetzt hat.

Wer die finden will, der tut gut daran, beim Bummel über den Basar auf kleine Aufgänge zu achten, oben befindet sich meist eines dieser kleinen Kaffees. Am besten – der Höflichkeit wegen – nachfragen, ob es okay ist, wenn eine Frau dabei ist, bisher war es aber nie ein Problem, wobei schon augenscheinlich ist, dass gerade die älteren Herren ihren „all boys club“ sehr genießen und mich mit Argwohn beäugen, während sich die jüngeren über die Abwechslung freuen. Tausende Tees später gehen wir zu Yazr’s Haus. Wir wollen sein Auto holen und damit ein bisschen durch die Stadt cruisen. Auch hier ist es wieder die Mama, die uns unbedingt zu einem Tee einladen möchte. Yazr’s Eltern gehören zur iranische Mittelschicht, haben ein eigenes Haus und bisher waren weder Ali noch Akbr, die seit vielen, vielen Jahren miteinander befreundet sind, jemals auf ein Getränk in dem riesigen Wohnzimmer eingeladen. Nun da wir dabei sind, ist alles anders. Einen Tee und zwei Pistazienkekse später, sitzen wir im Wagen und fahren auf einen Berg in Tabriz. Ganz oben befindet sich eine kleine Moschee, der Muezzin ruft über die Lautsprecher zum Gebet und während die boys seinem Rufen nachkommen, genießen wir den magischen Blick auf die Lichter der Stadt. Unsere Tage in Tabriz hätten nicht schöner sein können – dank Ali, Akbar, Yazr und all den anderen wunderbaren Menschen, die wir hier getroffen haben.

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