Vom Lugu-See nach Chengdu: Im Pinkel-Bus durch China

Fleischverkauf in Chengdu. © www.vayan.de

„Da wird es euch richtig gut gefallen!“, sagt unsere Gastgeberin in Lijiang begeistert als wir ihr erzählen, dass wir weiter zum Lugu-See reisen, „Keine Touristen dort. Das wird super!“. Wow, cool, damit hatte ich nicht gerechnet, denn dass wir zum Lugu-See fahren, passierte eher aus einer Verlegenheit heraus, einfach, weil wir nicht wissen wohin sonst: Nicht, dass man sich in China nicht noch tausend coole Dinge angucken könnte, nur da wo wir richtig, richtig gern hin wollen, ist es entweder deutlich zu kalt oder die Orte sind momentan schlichtweg nicht zu erreichen, dafür bräuchte man nämlich einen Fahrer und den so kurz nach dem chinesischen Neujahr zu finden, ist aussichtslos. Warum wir uns nicht einfach ein Auto mieten? Ausländer dürfen in China kein Auto fahren, es sei denn sie haben einen chinesischen Führerschein und den darf nur machen, wer auch einen Wohnsitz in China hat. Wusste ich bis vor Kurzem auch nicht…nun ja. Es ist wie es ist.

Also entscheiden wir uns für ein paar Tage am Lugu-See, zum einen weil wir Lust auf Natur haben und zum anderen, weil’s auf dem Weg nach Chengdu liegt. Nach Chengdu wiederum wollen wir aus zwei Gründen: zum einen, weil wir irgendwann von hier nach Tokyo fliegen werden und zum anderen weil Chengdu in der Provinz Sichuan gelegen ist – und die ist dafür bekannt, die beste Küche Chinas zu haben. Und ich wiederum bin ein großer Fan von gutem Essen.

…aber erstmal geht’s zum Lugu-See und zwar mit dem Bus. Das Reisewetter: perfekt. Die Busfahrt: höllisch. Wer mit uns im Bus sitzt und nicht gerade snackt, der kotzt. Einer raucht. Im Gang steht ein Eimer. Müll, Erbrochenes, Zigarettenkippen, alles drin – bei jeder Kurve wabert das Gemisch so vor sich hin, droht umzukippen.

Als in Stunde fünf ein Vater seinen 4-Jährigem die Hose runterzieht und ihn über den Eimer hält, hat mich der Geruch im Bus schon so rammdösig gemacht, dass mir ein in einen Eimer pinkelnder 4-jähriger nur die logische Konsequenz aus dem ganzen Treiben hier zu sein scheint. Mir ist mittlerweile alles egal. Sollen sie doch in den Eimer pinkeln. Meinetwegen. Nur, wenn sich der eine Typ im Bus ´ne Kippe anzündet, schaue ich für einen kurzen Moment hoch, hauptsächlich aus Neid, denn ich rauche seit einem Monat nicht mehr. Diese Busfahrt ist also eine Reminiszenz an die frühen 90er Jahre, als in Deutschland das Anschnallen im Auto nur was für Dumme und Rauchen mit den Kids auf der Rückbank das normalste der Welt waren. In China ist all das noch immer möglich: Man raucht wo immer man will. Im Büro, auf der Straße, im Restaurant, beim Bäcker, you name it. Ist es irgendwo verboten, beispielsweise im Bus, macht man´s trotzdem oder geht, wie es in den großen Malls so üblich ist, zum Rauchen einfach aufs Klo. In China mit dem Rauchen aufzuhören war eine halb-gute Idee.

Am Lugu-See angekommen, zeigt sich schnell, dass es hier sehr wohl touristisch ist, um nicht zu sagen, ausschließlich touristisch: vom Ponyreiten bis zur Bootsfahrt, hier kann man alles machen, nur einen Scooter ausleihen, das kann man nicht. Also sitzen wir irgendwie an diesem See fest, der wirklich recht hübsch ist, aber eben auch nur ein See. Daher verbringen wir viel Zeit im Innenhof unseres Hotels, S lernt Chinesisch, ich Japanisch. Mit auf dem Grundstück wohnen zwei Familien, die Omas sind in den traditionellen Trachten der heimischen Minderheit gekleidet. Sie verbringen hier ebenfalls mit ihren Enkeln den Tag und sind derart von S Bemühungen, die chinesischen Schriftzeichen zu schreiben, angetan, dass sie uns regelmäßig Obst zustecken. Sehr niedlich. Nach zwei Tagen ist’s dann aber auch genug und wir machen uns weiter auf den Weg in Richtung Chengdu – wieder durch die Berge, wieder etwas kurvig, im Grunde nicht weiter erwähnenswert, würden sich nicht erneut die meisten unserer Mitreisenden übergeben. Nach fünf Stunden hat auch diese Fahrt endlich ihr Ende gefunden und wir steigen in irgendeiner farblosen chinesischen Großstadt aus, von der wir noch nicht mal genau wissen wie sie heißt. Wir checken für eine Nacht in einem Businesshotel ganz in der Nähe des Busbahnhofes ein, und genießen es, dass das Zimmer geheizt ist, denn das ist in China wirklich sehr außergewöhnlich – ganz egal, wie kalt es draußen ist. Und mal abgesehen davon, dass unser Hotel ein echter Glücksgriff ist, ist es die namenlose Stadt auch irgendwie, denn hier sind wirklich keine Touristen unterwegs und zum ersten Mal seit Kunming haben wir das Gefühl, ganz normalen chinesischen Alltag zu erleben. Klar, eine Woche möchte man hier nicht bleiben, aber für ein Abendessen lang sind wir hier sehr glücklich.

Und noch ein Abendessen später sind wir bereits in Chengdu. Hier ist es vor allem kalt, grau und verregnet, klassisches Deutschland-Herbst/Winter-Wetter. Ich hab’s nicht vermisst. 

Chengdu: Schönes China, graues China, unpolitisches China

Die Tage in Chengdu werden, wie der Rest unserer China-Reise, recht schön aber eben auch sehr unaufgeregt: Wir essen viel und gut, sehen Riesenpandas und gehen hin- und wieder ins Museum, wobei insbesondere das Chengdu-Museum eine echte Empfehlung ist. Und während wir es uns gut gehen lassen, muss ich immer wieder daran denken, dass dieses ganze China-Erlebnis so eigenartig unpolitisch ist. Im Iran reden die Menschen unheimlich viel über Politik, ebenso in Indien, in Kambodscha zumindest leise hinter vorgehaltener Hand, in China passiert das nicht wirklich und das hatte ich so nicht erwartet. Ein konkretes Beispiel: Seitdem wir in China angekommen sind, versucht S einen WeChat-Account zu eröffnen. Wer WeChat hat, dem steht die Welt in China offen: WeChat ist Facebook, Instagram, WhatsApp und vieles mehr in einem. Es gibt im Grunde nichts, was man mit WeChat nicht machen kann – zumindest nicht, wenn es einem egal ist, dass die Regierung jede einzelne Nachricht mitliest und auf jeden Account zugreifen kann. Um einen Account zu eröffnen, braucht man eine Telefonnummer und ein WeChat-Mitglied, das den neuen Account „einlädt“, gewissermaßen die real-menschliche Existenz des Anmelders bestätigt. Da wir uns mit den Leuten an der Rezeption unseres Hotels richtig gut verstehen, fragen wir, ob jemand den Account von S bestätigen könnte. Am Ende wird alles ein bisschen kompliziert und klappt leider nicht. „Ha! Ich habe aber noch einen alten WeChat-Account. Den kannst du nutzen. Warte, ich schicke dir die Zugangsdaten.“, sagt Conny, deren chinesischer Name natürlich eigentlich ein ganz anderer ist, aber mit diesem Namen stellt sie sich uns vor. Bei einer App, die der chinesischen Regierung Zugriff auf alle erdenklichen Daten, Standorte, Bezahlungen, Nachrichten, Aktivitäten etc. gibt, würde ich niemals einer anderen Person und schon gar keinem Fremden Zugriff auf meinen Account gewähren. Was wenn die Person etwas regierungskritisches schreibt? S sagt, ich übertreibe da, schließlich könnte sie ja sofort aufklären, dass der Account von einer anderen Person genutzt wird und müsste keine Konsequenzen fürchten. Ich sage: Ja, in einem Rechtsstaat könnte man davon ausgehen aber in China würde ich mich nicht darauf verlassen.

Dass Conny sich darüber keine weiteren Gedanken macht, hat sicherlich auch viel damit zu tun, dass – so eigenartig das aus westeuropäischer Sicht auch wirken mag – die meisten Chinesen großes Vertrauen in ihre Regierung haben.

Einen Hinweis darauf liefert zum Beispiel eine Studie zum Sozialkredit-Punktesystem, das China bald landesweit einführen wird und auch schon in verschiedenen Regionen in unterschiedlichen Variationen implementiert hat. Für alle, die noch noch nicht davon gehört haben, ganz kurz: Mit dem Punktesystem will die chinesische Regierung ihre Bevölkerung erziehen. Wer nach den Regeln spielt kommt in den Genuss von Vorteilen, wer nicht nach den Regeln spielt, kommt hingegen nicht nur nicht in den Genuss von Vorteilen, sondern wird regelrecht abgestraft. Er kürzlich wurde bekannt, dass die chinesische Regierung 23 Millionen Menschen die Möglichkeit genommen hat, Zug- und Flugtickets zu buchen. Ein Reiseverbot für 23 Millionen Menschen! Das Spannende an dieser Studie zum Sozialpunktesystem: Nahezu alle Chinesen begrüßen die landesweite Implementierung eines solchen Systems. Im Gegensatz zur westlichen Sichtweise nehmen sie es nämlich nicht als ein weiteres Instrumentarium des Überwachungsstaates wahr, sondern als etwas, das ihnen Möglichkeiten eröffnet, beispielsweise einen Kredit aufzunehmen. Zum besseren Verständnis, die Sache mit dem Kredit ist nämlich die: Bisher war es für Chinesen sehr schwer, überhaupt einen Kredit zu bekommen. Erst durch das Punktesystem wird das möglich. Kein Wunder also, dass das Sozialpunkte-System für viele Chinesen mehr nach Belohnung als nach Überwachung riecht. 

Wie dem auch sei: Bevor wir nach China gereist sind, haben S und ich uns viel mit chinesischer Innen- und Außenpolitik beschäftigt, doch seit wir in China sind, denken wir nur noch selten daran, dass beispielsweise wenige hundert Kilometer weiter, Uiguren und vermehrt auch Chinesen mit kasachischen Wurzeln in „Umerziehungslagern“ interniert werden. Was dort passiert, ist nichts anderes als ein kultureller Genozid. Während unserer China-Reise werden wir niemanden treffen, der dieses Thema auch nur oberflächlich streift und so verlieren auch wir es für kurze Zeit aus dem Blick.

China – Land der unmöglichen Möglichkeiten

Es gibt so Einfälle, da hat jeder Mensch aus der westlichen Welt mal gedacht „Mensch, wäre doch cool, wenn es sowas gäbe!“ und sie dann aufgrund ethischer Bedenken oder wenigsten aufgrund gesellschaftlicher Konventionen wieder fallen lassen. Kinder (wortwörtlich) an die Leine nehmen ist so eine Idee. In China hingegen habe ich den Eindruck, was praktisch ist, ist praktisch und so sieht man hin und wieder Kinder in einer Art Hundegeschirr mit einer Leine an die Mutter gekettet. Für Minimalisten gibt’s auch die Version mit der einfachen Handfessel dran. Zweifelsohne im Großstadttrubel praktisch, in Europa aber doch – aus guten Gründen – verpönt. In China: Nicht unbedingt Usus aber auch nicht gerade selten.

Und dann gibt es da noch die eine Sache, an der Europa seit gefühlten Ewigkeiten rumdoktert und nicht weiterkommt: und zwar die Elektromobilität. Wer heute in einer chinesischen Großstadt über die Straße geht, der kann sterben, ohne auch nur die leiseste Idee zu haben, dass es gleich vorbei ist. Motorengeräusche: Fehlanzeige. In China kommt der Tod leise um die Ecke gebraust. Während in Europa und den USA vor allem starke Automobillobbies den Ton angeben, hat die chinesische Regierung kurzen Prozess gemacht und mit Subventionen und rigiden Gesetzen einfach einen rasanten Wandel in der Elektromobilität erzwungen. Und da westliche Automobilhersteller auch in Sachen Produktentwicklung immer mehr hinterherhinken, ist China mittlerweile auf dem besten Weg, zur führenden Elektroautonation aufzusteigen.

Chinalicious

Nach vier Wochen in China kann ich nur sagen: Es war wirklich toll und deutlich weniger anstrengend als gedacht. Interessant: Nahezu ausnahmslos alle westlichen Reisenden, die wir in China treffen, können fließend Chinesisch sprechen oder zumindest eine Person einer gemeinsam reisenden Gruppe. Das liegt vielleicht auch daran, dass der Februar nicht unbedingt die beste Reisezeit für China ist und es nur Leute mit einem besonderem Interesse am Land hier herzieht. Im Frühling, Sommer und Herbst mag das anders sein. Dabei kommt man in sehr gut ohne Chinesisch durch – und das obwohl nahezu niemand Englisch spricht. Das liegt vor allem daran, dass die Leute hier nicht nur sehr hilfsbereit, sondern auch sehr lösungsorientiert sind: Kann man sich nicht mittels der gesprochenen Sprache verständigen, pantomimisch klappt’s allemal. Die Zeit nimmt man sich hier und das ist nicht überall selbstverständlich (looking at you, India! 👀 ).

Chinesischer Touristentraum: Der Lugu-See © www.vayan.de
Innenstadt von Chengdu im Winter. © www.vayan.de
Innenstadt von Chengdu mit Mao-Statue. © www.vayan.de
Riesenpanda in der Pandazuchtstation, Chengdu. © www.vayan.de
Baby-Panda in der Pandazuchtstation Chengdu. © www.vayan.de
Chengdu-Museum: Mädchen in der Ausstellung © www.vayan.de
Statue im Chengdu-Museum. © www.vayan.de
Fleischverkauf in Chengdu. © www.vayan.de
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