Matko und das Meer: Sommertage auf Brač

Matko und das Meer: Sonnige Tage auf Brač in Kroatien

Meine praktische Führerscheinprüfung absolvieren, ins Auto steigen und drei Wochen durch das Baltikum reisen, das war mein Plan: Litauen, Estland, Lettland, Campingkocher und Zelt im Kofferraum. Aus den geplanten drei Wochen Baltikum sind dann sechs Tage Brač und eine 24-stündige Busfahrt nach Kroatien und wieder zurück geworden. „Spurwechsel im Kreuzungsbereich“ – das war es dann wohl mit dem Führerschein und unserem Roadtrip.

Es ist Spätsommer, aber zu Hause kündigt sich schon der Herbst in großen Schritten an. Sonne, das ist es, was wir brauchen und buchen uns einen günstigen Bus nach Split. Kroatien da haben wir schon einmal wunderschöne Sommertage verbracht, also werfe ich gleich Google Maps an und schaue, welche Insel wir noch nicht kennen. Die Wahl fällt auf Brač. Hier finden wir über AirBnB ein günstiges Zimmer. Einfach und gut. Matko wird unser Gastgeber sein. Doch erstmal heißt es Busfahren: Erst nach Prag und nach wenigen Stunden weiter nach Split. In Prag lernen wir noch einen Tschechen kennen, dessen Freundin nach Kroatien gereist ist, nur dummerweise ihren Personalausweis vergessen hat. Ob wir den mitnehmen können? Klar, können wir und zwanzig Stunden später hinterlegen wir ihn an der Theke eines schäbigen Kaffees in Split, damit sie ihn dort in den kommenden Tagen abholen kann. Nun nur noch eine Stunde mit der Fähre und schon sind wir auf Brač, genauer gesagt in Supetar.

Auf Brač gibt es zwei Urlaubsorte. Supetar ist einer davon. Wir wollen in den anderen, nach Bol. Also nochmal eine Stunde mit dem Bus fahren und schließlich ist unsere rund 30stündige Höllentour zu einem Ende gekommen.

Der erste Tag: Der Himmel ist grau, das Meer ist stürmisch, uns egal, wir sind müde und schleppen unsere Kadaver mit letzter Kraft den Berg hinauf zu einem dieser alten kroatischen Häuser mit den dicken Steinmauern. Matko wird uns später ausführlich und stolz erzählen, dass ein altes Haus wie seines mit dem dicken Gemäuer, keine Klimaanlage braucht, nicht wie die billigen, neuen Häuser, die immer mehr im Ort zu finden sind. Alles hier sieht aus wie auf einer Postkarte: vor dem Haus ein karger, sehr gepflegter Garten, ein paar Olivenbäume, ein paar Granatapfelbäume. Als wir gerade unsere Rucksäcke vom Körper schälen, begrüßt uns auch schon Matko. Ob wir was trinken wollen? Nein, danke. Erstmal kurz ausruhen. Schlussendlich werden wir zwei Stunden schlafen, abends noch was essen gehen und wieder schlafen.

Am nächsten Morgen wachen wir auf, die Sonne scheint, wir tragen unsere Augenringe tief und dunkelgrau, packen Badehose und Schnorchel ein. Bol soll nicht nur ein paar schöne Strände haben, sondern sogar den „schönsten Strand Kroatiens“, den „Zlatni Rat“.

Uns zieht es aber aber vorerst an die kleineren Strände im östlichen Teil des Ortes. Hier gibt es gleich drei schöne, wenn auch steinige Strände, einer sogar in die imposante Kulisse eines Dominikanerklosters aus dem 15. Jahrhundert eingebettet. Baden, schnorcheln, faulenzen, so vergeht der Tag.

Strand in Bol am Dominikanerkloster

So idyllisch und ruhig der Tag auch ist, eines wird uns jetzt schon klar: Bol ist ein touristischer Urlaubsort, wie es so viele in Kroatien sind. Bei unserer letzten Reise entlang der kroatischen Küste ist uns das nicht so sehr aufgefallen. Wie auch, wenn man den Schlafsack an menschenleeren Stränden ausrollt? Diesmal haben wir uns aber gegen das Rumreisen und für Urlaubstage an einem einzigen Ort entschieden. In den nächsten Tagen werden wir viel darüber lernen, was passiert, wenn Tourismus zum identitätsstiftenden Element eines Ortes wird.

Blick aus einem verlassenen Hotel in Bol.

Blick aus einer alten Hotelruine. Einst müssen hier mehr 800 Menschen Platz gefunden haben.

Bol war einst ein Ort der Fischer, der Seeleute, der Winzer. Heute zählt der Ort etwas mehr als 1300 Einwohner. In der Hauptsaison kommen mehr als 10.000 Menschen dazu. September ist schon offiziell Nebensaison in Bol, doch es laufen noch immer Heerscharen von Touristen durch den Ort, wobei man nicht sagen kann, dass er hoffnungslos überlaufen wäre. Entkommen kann man ihnen aber auch nicht. Das liegt aber auch daran, dass tagtäglich Touristen aus den Booten am Hafen ausgekippt werden, die einen Tagesausflug nach Bol, genauer gesagt zum „Zlatni Rat“, dem vermeintlich „schönsten Strand Kroatiens“, gebucht haben. Wie eine Wanderdüne wälzen sie tagtäglich behäbig über die Strandpromenade zum westlichen Ortsende Bols, denn hier erwartet sie der ganze Stolz der kroatischen Strandlandschaft.

Zlatni Rat in Bol - der schönste Strand Kroatiens zu Sommenaufgang

Der menschenleere Zlatni Rat zum Sonnenaufgang.

Der Strand „Zlatni Rat“ wird auch das „Goldene Horn“ genannt und ist insofern etwas Besonderes, dass er als circa 500 Meter lange Landzunge ins Meer ragt und jedes Jahr mit der Strömung seine Form verändert. Wer die Schönheit des Strandes erleben möchte, muss sich in den frühen Morgenstunden auf die Socken machen. Tagsüber ist es hier nicht nur voll, sondern auch wenig idyllisch, allein schon weil unzählige Sonnenliegen, Loungemöbel und Imbissstände den „Zlatni Rat“ säumen. Wer ein Rundum-Sorglos-Paket mit kühlen Drinks und Crepes sucht, der ist hier richtig. Wer es beschaulich mag, eher nicht. Wir sind es nicht. Matko wird uns am Abend fragen, wie uns gefallen hat. „I hate it.“, werde ich antworten. „Hass ist so ein hartes Wort, Theresa. Sag lieber: I Don´t like it.“. Recht hat er, denke ich mir.

Wenn wir abends nach Hause zu Matko kommen, sitzt er zumeist in der Küche. Manchmal ist die Tür verschlossen, es läuft wehmütige kroatische Musik in ohrenbetäubender Lautstärke, meistens ist er aber am werkeln.

Matko, der früher unter anderem Politiker war, ist heute längst in Rente, braucht aber immer etwas zu tun: den Kühlschrank abtauen, die Buchhaltung machen, den Garten bestellen oder mit den Nachbarskindern rumalbern. Still sitzen fällt ihm schwer. Das wird uns spätestens offenbar, als er uns eines Tages fragt, ob wir gemeinsam zum Strand fahren wollen. Klar, wollen wir. Die 800 Meter zum Strand fahren wir mit dem Auto. Kaum angekommen, ist Matko auch schon im Wasser verschwunden. Taucherbrille, Schnorchel und kleine Speere zum Aufspießen von Seegurken, hat er alles dabei. „Mal sehen, was ich diesmal finde!“, ruft er zum Abschied. Schlußendlich wird Matko eine Dreiviertelstunde im Wasser bleiben und nichts finden. Ohne Brille sieht er nicht mehr viel. Einst hat er in der Bucht eine Uhr der Marke Garmin gefunden. Eine Uhr hat er zuvor nie getragen, jetzt bindet er sie sich jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen ums Handgelenk. Die Uhr ist mehr als 500 Euro wert. „Looked it up on the internet.“, sagt er und grinst.

Matko und das Meer - Bol auf der Insel Brac

Kaum hat die Sonne seinen Körper getrocknet, zieht es Matko wieder nach Hause. Ob wir mitkommen wollen? Nein, wir sind ja erst eine Stunde hier. Abends werden gemeinsam mit Matko im Garten sitzen. „Matko, sag mal, wo ist denn eigentlich deine Frau?“ Die ist in Supetar, also am anderen Ende der Insel. Dort haben die beiden noch ein Haus. „Warum bist du nicht auch dort, Matko?“ „You know, I was born here, and so was my father and his father. I belong here.“

Blick auf die kroatische Küste bei Split.

Ciaoi Kroatien, du kleiner Sommertraum.

Nach sechs Tagen setzen wir wieder unsere Rucksäcke auf und machen uns auf den Weg zur Fähre. Es war sechs sehr schöne Tage auf Brač. Länger hätte es auch nicht sein müssen. Beim nächsten Mal werden wir wieder mehr rumreisen – und dann vielleicht auch mit dem Auto, denn den Führerschein habe ich mittlerweile auch in der Tasche.

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