Shiraz, Iran: Stadt der Poesie und der immer gleichen Selfies

Shiraz: Iraner vor dem Mosaik in der pinken Moschee (Masjed-e Nasir-al-Molk)

Shiraz, im Süden Zentralirans gelegen, gilt als Hochburg persischer Kultur: Hier wurden die Dichter Hafis und Saadi beerdigt und wer schon einmal im Iran war, weiß, dass sie – obgleich sie schon mehrere Jahrhunderte tot sind – im Land verehrt und geliebt werden, wie es sonst niemand wird. Es ist nur wenige Jahrzehnte her, da hatte noch längst nicht jeder Haushalt im Iran einen Fernseher, also traf man sich im Teehaus, ein geübter Sprecher rezitierte die Gedichte der Volkslieblinge und so mancher iranischer Opa bekommt heute noch glänzende Augen, erzählt er davon. Doch auch heute ist es noch so, dass selbst die junge, hippe Generation unzählige dieser Gedichte aus dem Kopf rezitieren kann und man sich in den Abendstunden trifft, Tee, immer öfter auch Wein, trinkt und einander vorliest. 

Die Mausoleen beider Poeten sind wichtige Pilgerstätten im Iran, sodass es auch auch zahlreiche iranische Touristen nach Shiraz zieht. Hier sitzt man dann im Grünen, trinkt Tee, snackt, unterhält sich, trinkt noch mehr Tee, liest Gedichte, trifft sich auf ein Date oder unterhält sich darüber, was im Alltag gerade so los ist. Alles in allem ein sehr soziales Event und vergleichbar mit dem europäischen „Lass uns heute Abend auf eins, zwei Getränke treffen.“. Auch wenn es auf den ersten Blick ein wenig befremdlich ist, sich zum Chillen an einer Grabstätte zu treffen, macht es auf den zweiten durchaus Sinn: Die Mausoleen sind umgeben von hübsch angelegten Gärten. In einem Land, das abseits der Städte hauptsächlich aus Wüste, Gebirge und Geröll besteht, wirken sie wie kleine Oasen.

Wer kann, verbringt den Freitag mit seiner Familie an einer dieser Grabstätten, in einer Palastanlage oder in einem anderen der vielen kunstvollen persischen Gärten. Was uns der Sonntag ist, ist den Iranern der Freitag: Die meisten Shops sind geschlossen, Werkstätten ebenso, wer an einem Freitag eine Panne hat, zahlt das dreifache für einen Mechaniker. Jeder Grünstreifen – und sei er noch so schmal – wird nun zum Wohnzimmer. Nicht selten zelten zahlreiche Iranis hier, übernachten auf schmalem Grün, manchmal auf Beton zwischen hübsch angelegten Blumenbeeten. Das lässt sich im ganzen Land beobachten.

Wer auf Instagram unter #shiraz mal schaut, was es in der Stadt sonst noch zu sehen gibt, der stößt unweigerlich auf Bilder von der pinken Moschee, die eigentlich Masjed-e-Nasir-al-Molk heißt. Die Moschee zählt zu den elegantesten Gebäuden Irans und ist eines der am meisten fotografierten Motive des Landes.

Wer nach Shiraz reist, der kommt an der pinken Moschee nicht vorbei und offensichtlich auch nicht daran, sich mit nachdenklichem Blick vor den kunstvollen Buntglasscheiben zu fotografieren.

Zwischen 9.00 und 11.00 Uhr werden Heerscharen von Touristen vor den Toren der Moschee ausgekippt, denn dann scheint die Sonne durch das Buntglas und wirft kalaidoskopartige Muster auf die persischen Teppiche im Inneren. Was während dieser Zeit in der Moschee passiert, kann man als nichts anderes als eine Farce beschreiben: So manch ein westlicher Tourist, aber auch zahlreiche iranische Touristen, scheinen vergessen zu haben, dass es sich hier um eine Moschee handelt, um einen heiligen Ort, der zum Beten, zum Insichgehen, zum Ruhen gedacht ist. Selfie hier, Selfie da, manch einer verbringt hier Stunden, um sich in Szene zu setzen. Am Ende finden sich dann die immer gleichen Bilder auf Instagram – sie könnten kaum langweiliger sein. Eine halbe Stunde saß ich auf dem Boden in der Moschee, genervt verlasse ich das Gebäude und setze mich in den ebenfalls vollen Innenhof. Hier treffe ich auf drei iranische Frauen, die Kopftücher tragen, die exakt mit den Farben der Mosaiksteinen der Masjed-e-Nasir-al-Molk korrespondieren. Sicher kein Zufall und ebenfalls schon tausendfach auf Instagram gesehen. Was mich jedoch überrascht ist, mit welcher Beharrlichkeit sie vor dem Mosaik verharren: Keine Ahnung, wie viele Selfies man in drei Stunden mit dem Handy aufnehmen kann, doch es muss in die Hunderte gehen. 

Shiraz und die herbe Prinzessin

Ich verfolge das Treiben gespannt, der Innenhof entpuppt sich als guter Spot, um das Spektakel zu beobachten: Chinesische Reisende vertreiben die drei iranischen Frauen vom Mosaik, schließlich schleppen sie ihre gigantischen Spiegelreflexkameras mit den teuren Zoomobjektiven bei mehr als 30 Grad nicht umsonst durchs Land. Es dauert nicht lange und die iranischen Girls erobern sich ihren angestammten Platz zurück, schließlich hat man sich auch die bunten Kopftücher nicht umsonst besorgt. 

Gerade als ich beschließe zu gehen, betritt eine Frau den Innenhof der Masjed-e-Nasir-al-Molk: Gehüllt in pinken Tüll zieht sie zahlreiche Blicke auf sich. Ihr Outfit wirkt wie eine Persiflage auf das Märchen von 1001 Nacht, ihr Gesicht sehr herb. Unweigerlich muss ich daran denken, dass nach Thailand in keinem anderem Land der Welt so viele Geschlechtsumwandlungen vollzogen werden wie im Iran.

Das wirkt auf den ersten Blick erstaunlich weltoffen, doch beliest man sich zum Thema, bleibt nicht mehr als Betroffenheit über: Für homosexuelle Iraner ist eine Geschlechtsumwandlung der einzige Weg, um Stigmatisierung und Bestrafung zu entgehen. Homosexualität ist eine Sünde, so steht es im Koran geschrieben. Da im heiligsten aller Bücher jedoch keine Rede von Geschlechtsumwandlung ist, sei sie auch keine Sünde, urteilte der Ayatollah Ruholla Chomeini vor mehr als drei Jahrzehnten. Seine Argumentation: „Man kann Getreide nehmen, es in Brot und Mehl verwandeln. Auch das ist eine Umwandlung. Oder man kann einen Baum fällen und daraus einen Tisch oder einen Stuhl machen.“

Grundsätzlich mag das stimmen, doch nun ist es nunmal so, dass es dem Getreide und dem Baum so ziemlich egal sein dürfte, was die Zukunft so bringt: Für viele homosexuelle Menschen im Iran, die nicht transsexuell sind, ist die Geschlechtsumwandlung nur die Fortführung eines langen Weg des Schmerzes, der nicht selten mit Depression und Selbstmord endet – da hilft es freilich wenig, dass der Staat die Hälfte der Operationskosten trägt.

Von Shiraz nach Persepolis

Wer nach Shiraz reist, den zieht es auch nach Persepolis. Die prachtvolle Palastanlage, umgeben von mächtigen Bergen, ist eines der Weltwunder der Antike: Ihr einstiger Glanz lässt sich heute nur noch schwer erahnen, dennoch ist es wenig überraschend, dass die Ruinen zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen.

Wir beschließen am frühen Morgen mit dem Taxi nach Persepolis zu fahren. Von Shiraz aus sind das kaum mehr als 40 Minuten. 7:30 Uhr öffnen sich hier tagtäglich die Pforten, wir werden unter den ersten fünf Besuchern des Tages sein. Eine ziemlich unpopuläre Zeit, mehrere Personen hatten uns davon abgeraten, schließlich soll es in den Abendstunden zum Sonnenuntergang am schönsten sein. Und es stimmt: Zum Fotografieren ist es selbst in den Morgenstunden deutlich zu hell, jedes zweite Bild ist hoffnungslos überbelichtet. 

Als wir jedoch nach rund zwei Stunden die Anlage verlassen, sehen wir die ersten großen Reisebusse anrollen und bekommen einen ersten Vorgeschmack, was hier in den frühen Abendstunden los sein muss. Wir schwingen uns schnell wieder ins Taxi und fahren schließlich noch ein paar Kilometer weiter zum Felsgrab Naqsh-e Rostam. Wie es scheint, sind wir nicht die einzigen, die von der imposanten Kulisse überwältig sind: Ein iranisches Filmteam ist auch hier und noch bevor uns die Mittagshitze überrollt, sind wir längst wieder zurück in Shiraz, chillen im Hostel und trinken viel zu heißen Tee.

Shiraz, Iran: Herbe Prinzessin in der pinken Moschee (Masjed-e Nasir-al-Molk)
Shiraz, Iran: Selfies in der pinken Moschee (Masjed-e Nasir-al-Molk)
Shiraz, Iran: Durch das Buntglas fallen kaleidoskopartige Muster auf die persischen Teppiche im Inneren (Masjed-e Nasir-al-Molk)
Shiraz: Detailaufnahme im Inneren der pinken Moschee (Masjed-e Nasir-al-Molk).
Shiraz: Iraner vor dem Mosaik in der pinken Moschee (Masjed-e Nasir-al-Molk)
Shiraz, Iran: Der kunstvoll angelegte persische Garten Bagh-e Naranjestan.
Shiraz, Iran: Detailaufnahme vom Garten Bagh-e Naranjestan.
Shiraz, Iran: Detailaufnahme im Bagh-e Naranjestan.
Shiraz, Iran: Blick in Richtung Norden von der Brücke.
Shiraz, Iran: Mausoleum des persischen Dichters Hafis (Aramgah-e Hafez Mausoleum).
Shiraz, Iran abseits der Sehenswürdigkeiten
Shiraz, Persepolis: Blick von Persepolis auf den Eingangsbereich der Anlage.
Shiraz, Persepolis: Eingangstor
Shiraz,Persepolis: Statue
Shiraz, Persepolis: Ruinen von Persepolis
Shiraz, Persepolis: Pferd-Relief.
Shiraz, Persepolis: Felsgrab Naqsh-e Rostam
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