Pushkar, Bharatpur, Agra

Das Taj Mahal in Agra.

Wir feiern Diwali, fahren ins Vogelparadies, werden wieder zu einer Familie eingeladen und werfen einen Blick aufs Taj Mahal

Als wir in Sodawas aufbrechen, beschließen wir spontan weiter nach Pushkar zu fahren. Mit einem lokalen Bus brauchen wir für die rund 250 Kilometer sechs Stunden, ein Katzensprung für indische Verhältnisse. Direkt an einem See gelegen, mit kaum mehr als 20.000 Einwohnern, ist Pushkar eine Kleinstadt und eine heilige noch dazu. Ruhe und Beschaulichkeit in einer kleinen Stadt, das ist genau das, was wir jetzt brauchen, schließlich steht Diwali vor der Tür.

Diwali, das Lichterfest, ist eines der größten Feste in Indien und wenn ich ehrlich bin, freue ich mich auf Diwali, seitdem ich von dessen Existenz weiß. Das ist so ungefähr seit vier Wochen. Möchte man Diwali mit etwas uns bekanntem vergleichen, dann entspricht es am ehestem dem Weihnachtsfest: Das bedeutet nicht nur, dass nun jedes Kind einen Sack voller Geschenke bekommt, sondern auch, dass ganz Indien auf den Beinen ist, denn ebenso wie Weihnachten, verbringt man Diwali im Kreise der Familie. Kurz vor Diwali noch ein Zugticket zu buchen, – ganz gleich wohin – ist nahezu ausgeschlossen, jeder reist nach Hause in die Heimat. 

Diwali: Indien reist, keiner bleibt, wo er ist

Das erste Mal hören wir von Diwali, da sind wir noch in Delhi. „Man, it’s so crazy. They’ll kill you!“, erklärt uns Arjun mit ausladenden Gesten. Es ist nicht schwer zu erraten, Arjun hat einen leichten Hang zur Übertreibung, aber ich verstehe, was er meint: Diwali ist ein fünftätiges hinduistisches Festival und während die meisten Feierlichkeiten im Kreise der Familie hinter verschlossenen Türen stattfinden, gibt es einen Tag, da werden so manche Städte und Dörfer mit Feuerwerkskörpern – ja, man muss es so sagen – abgefackelt. Hinzu kommen tausende, mancherorts Billionen kleiner Öllampen, die nach hinduistischer Tradition entzündet werden, um den Sieg des Lichts über den Schatten zu feiern. Den Sieg des Guten über das Böse, wenn man denn so will.

Was sich so spirituell, romantisch und herzerwärmend anhört, bedeutet aber für Millionenmetropolen wie Delhi vor allem einige Tote, Chaos und Luftverschmutzungswerte, die um das tausendfache dessen, was als zulässig gilt, überschritten werden. Selbst die indische Regierung sieht sich mittlerweile gezwungen zu handeln, verbietet den Verkauf von Feuerwerkskörpern, erlaubt das Knallen überhaupt nicht mehr oder nur in einem bestimmten Zeitraum – und will der Luftverschmutzung nun sogar mit künstlichem Regen entgegen wirken. 

Nachdem ich am Anfang unserer Reise noch immer dachte, da will ich auf jeden Fall mittendrin sein, habe ich mir das zwei Wochen später nun doch anders überlegt und so kommt es, dass wir nun von Sodawas nach Pushkar reisen. Bis Diwali sind es noch fünf Tage, wir beschließen hier ein bisschen zu chillen und zu warten, was auf uns zukommt. Für Hindus ist Pushkar ein heiliger Ort, eine Pilgerstätte, die es mindestens einmal im Leben aufzusuchen gilt. Auf die touristische Landkarte hat es Pushkar aber hauptsächlich aufgrund des einmal jährlich stattfindenden Kamelmarktes geschafft. Er gilt als der größte Kamelmarkt der Welt, zieht jährlich zehntausende Kamele und Hunderttausende Besucher an. Die kleine Stadt platzt dann aus allen Nähten.

Unsere Woche in Pushkar wird sehr ruhig, beschaulich und lustig. Wir verbringen viel Zeit mit Insha. Der 24-Jährige führt gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder das Hostel, in dem wir wohnen. Hier gibt es einen kleinen Pool, eine Dachterrasse und eigentlich ist es immer ausgebucht. Das hindert Insha jedoch nicht daran, sich immer mal wieder mit uns aus dem Staub zu machen und in die Berge zu fahren oder einfach den ganzen Abend mit uns abzuhängen. Insha ist die mit Abstand witzigste Person, die wir bisher in Indien kennengelernt haben: Es ist eine unaufgeregt Woche, doch wir lachen viel.

Irgendwann ist dann aber auch mal genug gechillt, wir wollen weiterreisen und das am besten in die Natur. Während sich in der Nähe der berühmte Rathambore-Nationalpark, in dem eine der größten Tigerpopulationen Indiens lebt, befindet, beschließen wir uns von Menschenmassen fernzuhalten und fahren zu einem weniger berühmten Vogelparadies, das es dennoch auf die Liste der UNESCO geschafft hat.

Bharatpur: Eine weitere Lektion in Sachen indischer Gastfreundschaft

Bharatpur ist eine verhältnismäßig kleine und eine verhältnismäßig häßliche Stadt, aber ich mag es hier ganz gern, auch wenn es tatsächlich so ist, dass es hier außer des Keoladeo-Nationalparks wirklich nichts zu sehen gibt. Der Nationalpark ist übrigens so klein, dass man entspannt mit dem Rad durchradeln kann – oder besser gesagt: Man könnte hier entspannt durchradeln, hätte man denn halbwegs okaye Räder und halbwegs okaye Wege, doch will man hier ein bisschen Ruhe haben, dann muss man runter vom asphaltiertem Hauptweg rauf auf die Schotterpiste. Das fährt sich zwar richtig scheiße, aber immerhin sind wir fernab des Trubels. Wie sich herausstellen wird, sogar zu fernab, denn da wo wir lang geradelt sind, dürfen Touristen eigentlich gar nicht hin und so quälend und schmerzhaft das Fahrradfahren auch ist, so sehr Spaß macht es auch. Keine Menschenseele hier, nur Affen, Vögel und Antilopen.

Trotzdem sind wir froh, als wir endlich den Hauptweg wiedergefunden haben: Es ist heiß und wir haben viel zu wenig Trinkwasser dabei. Macht aber nix, denn am Ende des Nationalparks gibt es eine kleine Hütte, die Wasser, Chai und Chips verkauft. Und wie wir da sitzen, Chips snacken und Wasser trinken, höre ich schon wie drei junge Inder, zwei Männer, eine Frau, miteinander reden und diskutieren, wer uns denn wie anspricht. Schnell wird klar, die Frau soll uns ansprechen, schließlich kann sie von allen am besten Englisch. Die boys trauen sich nicht.

Jetzt fragt man sich vielleicht, wie ich das denn alles verstehen kann. Die Sache ist, Hindi erscheint mir keine sonderlich komplizierte Sprache zu sein. Obwohl, vielleicht ist sie das, ich habe selbstverständlich keine Ahnung, wie komplex die Sprache ist, aber ich habe mich mittlerweile ein bisschen reingehört, das eine oder andere Wort aufgeschnappt und dazu kommt, dass viele Begrifflichkeiten dem Englischen entnommen wurden. Kurz gesagt: Manchmal ist es recht einfach zu wissen, worüber jemand gerade spricht.

So ist das auch als Ashoo, so heißt die 24-jährige Frau, uns anspricht. Als Gesprächseinstieg dient der international beliebte Klassiker: „Where are you from?“ Anschließend arbeiten wir noch ein paar andere Klassiker ab, erzählen wie uns Indien gefällt, seit wann wir da sind, wie lange wir noch bleiben und was wir schon gesehen haben. Und während uns jemand mit einem freundlichen Lächeln einen Chai hinstellt, sagt Ashoo: „Ha, aber bei einer indischen Familie zu Hause seid ihr bestimmt noch nicht gewesen!“ Doch, doch, sagen wir und erzählen ganz kurz von unserer Reise aufs Land mit Bophal. Dass wir schon mal das ländliche Indien gesehen haben, beirrt Ashoo in keiner Form und schon lädt sie uns zu ihrer Familie ein – aufs Dorf. Wir sagen, dass wir erstmal noch eine Weile im Park sind, aber gern Telefonnummern austauschen können und vielleicht melden wir uns ja dann einfach am Abend. Und das machen wir dann auch…

Curry, Büffel und eine Heidenangst: Wir fahren wieder aufs Dorf

Via Whatsapp verabreden wir, dass uns Ashoo vom Hotel abholen wird. Mit dabei sind ihre zwei Brüder, die wir schon aus dem Park kennen, und zwei Mopeds.

Kaum aufgestiegen sagt Ashoo, dass sie nicht gedacht hätte, dass wir uns melden und dass sie uns eigentlich auch gar nicht ansprechen wollte. „Aber warum das denn nicht?“, frage ich. „Ich dachte, ihr würdet aggressiv werden.“

Boah, krass, Theresa, du musst wirklich mal deine Außenwirkung neu justieren, denke ich und frage Ashoo sofort, wie sie denn darauf kommt. „Na, weil alle Ausländer so reagieren, entweder ignorant oder aggressiv.“ Ich verstehe, was Ashoo versucht zu sagen und sie hat durchaus recht. Durch die europäische Brille betrachtet, wirkt das Verhalten vieler Inder unhöflich und nicht selten auch übergriffig. Wir haben zahlreiche Touristen gesehen, getroffen und kennengelernt, die, wenn sie angesprochen werden, nicht mehr reagieren oder abweisend bis unhöflich sind. Wir sind nicht so – und darüber bin ich froh.

Ashoos Familie lebt zehn Kilometer außerhalb Bharatpurs. Sie haben einen kleinen Hof, auf dem die Eltern, die Großeltern, die Onkel und Tanten sowie acht Büffel leben. Als wir ankommen, ist die ganze Familie schon sichtlich aufgeregt, wir werden ins Wohnzimmer gesetzt, trinken Chai, sollen uns dann aber auch gleich den Hof anschauen und unser Abendessen steht auch schon auf dem Herd.

Ashoos Brüder sprechen beide ein paar Brocken Englisch, reden aber kaum. So wird Ashoo die meiste Zeit hin und her übersetzen und ist sie gerade nicht in der Nähe, dann wird Hindi mit uns gesprochen, ich verstehe auch so: Alle freuen sich, dass wir da sind. Ashoos Mama schaut mich die ganze Zeit mit strahlenden Augen an und plappert so vor sich hin, die Großmutter mag gar nicht mehr aufhören mich zu drücken und mir über die Wange zu streicheln, die beiden Brüder sitzen wortkarg mit einem beseelten Lächeln auf den Lippen in sicherer Entfernung. 

Selbst Ashoo ist vollkommen aus dem Häuschen, aber auch wir sind sehr beeindruckt von ihr. Ashoo studiert in Jaipur, der Hauptstadt Rajasthans, will später Polizistin werden und ehrenamtlich bei einer NGO, die sich für Frauenrechte einsetzt, arbeiten. Das Thema Frauenrechte ist ihr wichtig. Mir auch. Und während ihre Eltern einfache, wenn auch äußerst liebenswerte und kluge Landwirte ohne Schulbildung sind, ist sie eine aufgeklärte, gebildete und engagierte Frau – und all das, sagt sie, verdankt sie ausschließlich ihren Eltern, die Tag und Nacht gearbeitet haben, damit sie nicht nur zur Schule, sondern auch zur Universität gehen kann. Ashoo nutzt kein Facebook, kein Instagram, noch irgendwelche andere sozialen Medien, nur WhatsApp hat sie auf ihrem Handy installiert. Nichts soll sie vom Lernen und vom Erfolg abhalten. Das schuldet sie nicht nur sich, sondern auch ihren Eltern, sagt sie. 

Der Abend zieht mit Essen, dem Austausch von Nettigkeiten und Gesprächen über unsere Kulturen so ins Land. Was denn der landestypische Tanz in Deutschland sei, will Ashoo wissen. Da ich das ehrlich gesagt nicht weiß und mir fast sicher bin, dass es das auch nicht so wirklich gibt, – und mit Walzer möchte ich nun wirklich nicht anfangen -, versuche ich Ashoo das Konzept von Techno näher zu bringen. Das hat zumindest was mit meinem Leben und dem meiner Freunde zu tun. „Ah!“, sagt sie, „I think, it’s called crowed dance.“ Ich muss lachen.

Mittlerweile ist es richtig spät geworden. S und ich, wir denken schon seit einer Weile, dass es langsam Zeit wird zurück ins Hotel zu fahren, doch wir wollen nicht unhöflich sein und fragen, ob wir dann mal los können. Irgendwann fasse ich mir dann doch ein Herz und deute zumindest an, dass der Tag doch recht anstrengend war und ich so langsam müde werde. „Perfekt!“, sagt Ashoo und deutet auf das große Zimmer nebenan, „Let’s go to bed.“ Und während wir noch umständlich erklären, dass wir morgen früh ja schon wieder richtig zeitig aufstehen müssen, um unseren Zug nach Agra zu bekommen und dass wir die Gastfreundschaft nicht zu sehr ausreizen wollen, wischt Ashoo alle unsere Anmerkungen einfach vom Tisch, denn jetzt sei es eh viel zu spät, um wieder zurückzufahren und sowieso freuen sich alle, wenn wir morgen früh noch da sind. Und so kommt es, dass wir nun auch die Nacht hier verbringen.

Etwas überrumpelt gehen wir in das große Zimmer neben dem Wohnraum, stellen unseren Wecker – wir dürfen auf keinen Fall verschlafen -, machen das Licht aus und müssen lachen, dass wir’s nicht haben kommen sehen. Nichtsdestotrotz schlafen wir schnell ein, der Tag war lang und hier ist es auf eine atemberaubende Art und Weise ruhig und dunkel. Weiß man auch erst so richtig zu schätzen, wenn sonst immer Alarm um einen drumherum ist.

Das Bett ist bequem, im Haus ist es kalt, doch unsere Decken halten warm. Traumhafte Bedingungen für einen traumhaften Schlaf, wäre da nicht dieser Zwischenfall: Ich weiß nicht wie spät es ist, als S mich weckt. „Theresa, hier ist jemand. Du musst Ashoo anrufen!“  Mitten aus dem Tiefschlaf gerissen, brauche ich erstmal eine halbe Minute, um überhaupt zu realisieren, wo ich gerade bin. Und auch wenn ich noch gar nicht weiß weshalb, schlägt mein Herz bis zum Hals. Noch nie habe ich S mit so viel Angst in der Stimme sprechen hören. Und als ich gerade Luft holen will, um zu fragen, was los ist, klopft es an der Tür. Wir liegen wie gelähmt im Bett, versuchen nicht zu atmen. 

Später wird mir S erzählen, dass jemand mit der Taschenlampe auf unser Bett leuchtete: „Open the door!“ Der Lichtkegel schwirrte suchend über unsere Bettdecken hinweg „Open the door!“ „Why?“, will S wissen. Daraufhin keine Reaktion mehr, nur noch das leise Klopfen und ein Rascheln im Wohnzimmer. Instinktiv wissen wir beide, dass das Licht auf der Suche nach mir im Bett ist. Auf keinen Fall werden wir die Tür öffnen. Da sind wir uns einig und während ich irgendwann – Angst hin oder her, ich bin wirklich müde – wieder einschlafe, wird S kein Auge zumachen.

Die Sonne geht auf, unser Wecker klingelt und als wir uns sicher sind, die Stimmen von Ashoos Eltern zu hören, betreten wir das Wohnzimmer und schauen uns gleich um. Alle sind schon auf den Beinen, nur der 17-jährige Bruder Ashoos schläft noch immer auf der Matratze vor unserem Zimmer. „Na, creepy guy, müde?“, denke ich mir und frage mich schon, wie ich mit der Situation umgehen werde, ist er erstmal wach. Es wird sich herausstellen, dass ich mit der Situation nicht umgehen muss: Kaum ist er wach, geht er mit gesenktem Blick an uns vorbei, verschwindet in der Küche und lässt sich auch zu unserem Abschied nicht sehen. Es ist ihm sichtlich peinlich. Und auch wir sind irgendwas zwischen peinlich berührt und wütend: Alles, was uns in der Nacht noch so bedrohlich und unumgänglich vorkam, fand hauptsächlich in unser Kopf statt und hätte mit vier bis fünf lauten, schroffen Worten gelöst werden können, denn – meine Güte – da stand nur ein 17-Jähriger vor unserer Tür und nicht das ganze Dorf.

Anspannung is in the air

Wir sind uns unsicher, ob wir die Geschichte bei Ashoo ansprechen sollten, im Grunde wäre das richtig, aber eigentlich fehlt uns dafür die Kraft und wir lassen es. Also schauen wir morgens der Mama noch beim Melken der Büffel zu und steigen schließlich wieder aufs Moped, um zurück nach Bharatpur ins Hotel zu fahren. Wir müssen noch duschen und packen, um elf Uhr mittags geht unser Zug. Eigentlich müssen wir auch mal kurz durchatmen und besprechen, was da heute Nacht eigentlich los war, doch dazu wird es nicht kommen, denn kaum steigen wir vom Moped ab, kommt der Besitzer des Guesthouses auf uns zu und fragt deutlich verärgert, wo wir gerade herkommen. Wir waren bei Freunden, sagen wir. „Ich wollte mich gerade auf den Weg zur Polizei machen. Wieso sagt ihr nicht Bescheid, wenn ihr woanders schlaft und warum gehst du nicht an dein Telefon?“, fragt er mich. Ach du Scheiße, auch das noch. Wir versuchen uns zu erklären, war alles spontan, nicht vorauszusehen und auch absolut gedankenlos von uns: Tausendmal Entschuldigung. Wir hätten Bescheid sagen sollen. 

So zornig wie er ist, will davon nichts hören und schickt uns wie kleine Kinder auf unser Zimmer: „Ihr könnt jetzt gehen.“ Diese Tonfall hat er immer noch, als er zehn Minuten später an unser Zimmer klopft. „Auf ein letztes Wort zu mir!“, sagt er.

Ziemlich bedröppelt setzen wir uns zu ihm. Ich bin noch unentschlossen, wie ich mit der Situation umgehe: Einerseits weiß ich seine Sorge zu schätzen, andererseits missfällt mir sein Ton und ich bin kurz davor, ihm das Gesicht abzuziehen. Und auch wenn ich seine Art (seine Aggression und Herablassung) nicht mag, nehme ich ihm ab, dass er sich tatsächlich Sorgen um uns gemacht hat. Also setze ich mein UN-Botschafter-Gesicht auf und lasse ihn reden. Er hat sich jetzt wieder beruhigt, sagt er. Alter, das klingt aber nicht so, denke ich mir. Er sagt: Wir als Ausländer könnten das ja nicht wissen, aber das Mädchen, das uns hergebracht hat, müsste es: Als Hotelbesitzer hat er die Verantwortung für uns, unsere Namen stehen in seinen Registrierungsbüchern. Wenn uns was passiert, trägt er dafür die Verantwortung und noch nie habe er es erlebt, dass Ausländer bei Indern zu Hause geschlafen haben. Dass man andere Ausländer kennenlernt und miteinander die Nacht verbringt und nicht zurück ins Hotel kommt, das habe  er schon alles erlebt, aber bei einer indischen Familie, das sei ihm in seinen 22 Jahren als Guesthouse-Besitzer noch nie untergekommen. Ob wir denn verrückt wären, will er wissen.

Ich immer noch mit verständnisvollem UN-Botschafter-Blick entschuldige mich wiederholt für unsere Gedankenlosigkeit, erzähle, wie wir Ashoo kennengelernt haben und dass wir einen wunderbare Zeit mit einer wunderbaren Familie verbringen durften. Seine Stimme ist mittlerweile entspannter und sein Blick sanfter geworden. Ob wir denn nicht wüssten, dass das gefährlich ist, fragt er. Wir vertrauen auf unser Bauchgefühl, sagen wir. „Das könnt ihr nicht machen. Raub, Vergewaltigung, Mord. Hört ihr? Ihr dürft das nicht machen! Nicht in Indien!“

Sinngemäß sagt das jeder, der uns zu sich nach Hause einlädt: Es waren Bophals letzte Worte als wir uns aus Sodawas verabschiedeten und es werden auch Ashoos letzte Worte sein. Es ist auch das, was uns Inder oder andere Reisende sagen, erzählen wir von unseren Ausflügen. Das Ding ist, diese Bedenken sind nicht unbegründet: Gewaltdelikte und insbesondere solche gegen Frauen sind in Indien ein massives Problem und wenn man sich erst einmal anfängt mit dem Thema zu beschäftigen, dann wird einem schwindelig. Und wenn ich schreibe, dass wir uns auf unser Bauchgefühl verlassen, ob wir einer Einladung folgen oder nicht, dann ist das nicht nur ein Gefühl, von dem wir uns leiten lassen, sondern der Gesamteindruck: Wie haben wir uns kennengelernt? Ist die Familie in irgendeiner Form involviert? Wie läuft die Kommunikation via Messenger oder am Telefon ab: Entspannt, neugierig, freudig oder aufdringlich und fordernd? All das sind Faktoren, die haben wir für uns nie so ausformuliert, aber sie bestimmen ganz wesentlich, ob wir uns auf eine Einladung einlassen.

Wirklich schön – das Taj Mahal

Und jeder, der sich nun fragt, wo wir denn nun eigentlich danach hingefahren sind: Für uns ging es weiter nach Agra, eine Stadt südlich von Delhi, in die man ausschließlich, einzig und allein fährt, um das Taj Mahal zu sehen. Wir sind mittlerweile seid ungefähr vier Wochen in Indien und haben entsprechend viele Reisende kennengelernt und jeder, ausnahmslos jeder sagte: Bleibt bloß nicht länger als eine Nacht in Agra. Da gibts nichts, nur das Taj Mahal. Nachdem wir sage und schreibe vier Nächte in Agra verbracht haben, kann ich nur sagen: Neben dem Taj Mahal kann man sich in Agra noch das Fort (wirklich toll!) ansehen, ansonsten ist die Stadt auf eine ganz besondere Weise äußerst uncharmant und man sollte hier wirklich nicht länger als eine Nacht bleiben. 

Wir haben unsere Zeit in Agra im Wesentlichen damit zugebracht, Cola in rauen Mengen zu trinken und zu hoffen, dass wir noch Zugtickets nach Varanasi bekommen. Es hätte nicht mehr lange gedauert, da wären uns die Frontzähne vom ganzen Cola-Trinken weggefault, doch manchmal hat man eben Glück und schon sitzen wir im Zug nach Varanasi, eine Stadt, auf die ich mich sehr freue…

In Pushkar haben wir uns seit langer Zeit mal wieder was Gesundes gegessen.
Im Zentrum von Pushkar.
Pushkar ist umgeben von kleinen Bergen und Dörfern.
Zugvögel im Keoladeo-Nationalpark in Bharatpur.
Tempelanlange im Keoladeo-Nationalpark in Bharatpur.
Zugvogel im Keoladeo-Nationalpark in Bharatpur.
Richtig cool: Mit dem Fahrrad durch den Keoladeo-Nationalpark in Bharatpur.
Ein Kuh quert das Feuchtgebiet im Keoladeo-Nationalpark in Bharatpur.
Bharatpur: Ashoos Mama kocht am offenen Feuer.
Bharatpur: Ashoo ist eine der beeindruckendsten Personen, die wir auf unserer Reise kennengelernt haben.
Bharatpur: Ashoos Familie hat uns ein köstliches Curry zum Abendessen zubereitet.
Bharatpur: Ashoos Mama am Morgen beim Melken ihrer Büffel.
Bharatur: Ashoos Großeltern und einer ihrer Brüder.
Zum Taj Mahal reisen auch zahlreiche indische Touristen. Diese Frau hat sogar den passenden Sari an.
Das Taj Mahal ist an Schönheit kaum zu überbieten.
Das Taj Mahal zum Sonnenaufgang.
Das Taj Mahal wurde aus feinstem Marmor erbaut.
Blick vom Taj Mahal auf die Umgebung Richtung Fluß.
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