Opium, Curry und Kühe – wir fahren mit Bophal aufs Land

Indien: Die Dorfältesten nehmen Opium. © www.vayan.de

Wir fahren also nun von Jodhpur aufs Land, das echte Indien entdecken. Na, da bin ich ja mal gespannt! Mit dabei ist nicht nur Bophal, sondern auch sein Sohn Hrishipal, der uns am Abend zuvor nur mit großen Augen angeschaut hat. Also hieven wir unsere großen Rucksäcke in den Bus und machen uns auf den Weg nach Sodawas.

Sodawas ist ein kleines Dorf südlich von Pali in Rajasthan und kaum angekommen wird uns schnell klar, Touristen hat man hier noch nicht gesehen. Bereits nach den ersten drei Metern, haben sich die ersten Kinder an unsere Fersen geheftet. „Hello Mam!“, „Hello, hello!“ schallt es aus unterschiedlichen Richtungen. Bis zu Bophal Haus sind es nur 200 Meter. Als wir dort ankommen, haben wir bereits in 200 aufgeregte und freundliche Augen geschaut sowie 20 Kinder im Schlepptau. 

Im Übrigen ist es unglaublich heiß. Wir sind also froh, dass wir, nachdem wir die Mutter und Schwester unseres Gastgebers begrüßt haben, erstmal unsere Rucksäcke abstellen können. Bei allem, was wir machen weicht uns Hrishipal keinen Schritt von der Seite. Gestern noch ganz stumm, stellt sich heute heraus, dass er – entgegen meiner Annahme – ein durchaus okayes Englisch spricht und sich zuvor nur einfach nicht traute, mit uns zu kommunizieren.

Während in der kleinen Küche bereits ein Curry für uns so vor sich hin köchelt, trinken wir nun einen Chai und Bophal erklärt uns, wer hier wo wohnt und wie sich das Grundstück zusammensetzt. Boah, ganz schön groß, denken wir. Im Laufe des Tages werden wir jedoch lernen, dass ihm nahezu das ganze Dorf gehört. 

Erblickt ein Inder das Licht der Welt, gehört er qua Geburt einer bestimmten sozialen Gruppe an. Diese sozialen Gruppen werden Jati genannt. Um die 2000 dieser Jatis soll es in Indien geben. Je nach Jati wird der Mensch bereits mit der Geburt einer Kaste, einer sogenannten Varna, zugeordnet. Bophal zählt zur Jati der Landlords, also der Grundbesitzer, und damit zu einer hohen Kaste. Als wir nach dem Essen mit ihm und seinem Sohn durchs Dorf laufen wird klar: Bophal ist ein wohlhabender Mann – und ein respektierter. Wieviel Respekt eine Person einer anderen zollt, lässt sich in Indien leicht bei der Begrüßung erkennen und äußert sich in bestimmten Gesten und Bewegungen. Als Grundbesitzer gebührt Bophal besonders großer Respekt, ebenso seinem Sohn Hrishipal. 

Mit Strohhut und Sonnenbrille bewaffnet, führt uns Hrishipal durchs Dorf  

Hrishipals Attitüde hat sich übrigens, seitdem wir hier auf dem Dorf sind, deutlich verändert: Während wir den 28-jährigen in Jodhpur als zurückhaltenden, freundlichen, ja nahezu stummen Mann kennengelernt haben, ist er nun selbstbewusst – mit einem deutlichen Hang zur Eitelkeit. „I am king here!“, sagt er, als er uns alle Grundstücke, die seinem Vater und in ferner Zukunft ihm gehören, zeigt. Auch äußerlich hat er sich verändert: Mit seinem Strohhut und der Sonnenbrille sieht er nun aus wie das Abziehbild eines kolumbianischen Drogenbosses aus den 80ern.

Hrishipal "the king of Sodawas". © www.vayan.de

Hrishipal „the king of Sodawas“. © www.vayan.de

Während wir also mit dem indischen Pablo Escobar so durchs Dorf streifen, hat sich unsere Anwesenheit längst rumgesprochen. Egal, wohin ich schaue, überall Kinderaugen. Alle wollen mit uns reden, Fotos machen oder wenigstens einmal kurz neben uns stehen.

Und während wir mit den Kids mächtig Spaß haben, treibt uns Hrishipal immer wieder an, weiterzulaufen: Wir haben noch längst nicht alle seine Grundstücke gesehen und in zwei Stunden wird es schon dunkel. Als wir am späten Nachmittag wieder zurückkehren, haben wir rund 40 Chais in den unterschiedlichsten Häusern getrunken. Bophal, der sich in der Zwischenzeit verabschiedet hat, um ein paar Dinge zu erledigen, empfängt uns mit den Worten: „After dinner we are having a music cermony!“ Boah, scheiße, denken wir, immer noch unsicher, ob Bophals Einladung als eine aufrichtige, ernsthafte Einladung zu verstehen war oder doch nur Touri-Abzocke ist. „Music ceremony“ klingt eher nach Letzterem, wir versuchen höflich abzulehnen, doch Bophal hört nicht zu. Das macht er eigentlich nie. 

Ein Curry später sitzen wir also im Hof, die Dorfältesten mit ihren Instrumenten finden sich ein und beginnen zu musizieren. Entgegen unserer Befürchtung wird sich herausstellen, dass das durchaus üblich ist – zu besonderen Anlässen, versteht sich. Der letzte große Anlass war Hrishipals Hochzeit. Ob er die Musiker bezahlen muss, frage ich Bophal. Er sagt, üblicherweise müsste man das schon, aber, wenn er sie einlädt, dann spielen sie auch für ein paar Chai und Kippen. Der Rest vom Dorf ist übrigens auch hier, drängt sich dicht an dicht im Torbogen am Grundstückseingang, nur die Kids winkt Bophal irgendwann herein. Die sind natürlich immer noch außer Rand und Band, ob unserer Anwesenheit. Als die Kinder längst im Bett sind, sitzen wir noch mit den Musikern, den Dorfältesten, zusammen. Sie haben viele Fragen: Aus welchem Land wir kommen, ob wir verheiratet sind, wie wir uns kennengelernt haben, was unsere Berufe sind, wie alt die Menschen im Schnitt in Deutschland werden, welche Krankheiten sind am weitesten verbreitet und woran man normalerweise stirbt, ist das, was sie wissen wollen. So reden wir also noch eine Weile über Krebs, Rückprobleme und den Tod. Alle sitzen auf dem Boden, hören interessiert zu, Bophal steht unterdessen in der Mitte, orchestriert die Fragen und übersetzt.

Unterdessen wird uns so vieles klar: Als Landlord darf Bophal nicht nur Land und Boden sein eigen nennen, sondern mit dem Besitz kommt auch Verantwortung. Hier in Sodawas hat er eine besondere Stellung und nun, da er so selten hier ist, muss er – wenn möglich – auch immer was besonderes passieren, daher auch die Sache mit der Opium-Zeremonie. Dass die gemacht wird, das war ihm besonders wichtig. Mit uns an seiner Seite stärkt er nicht nur seine besondere Stellung und Reputation im Dorf, sondern mit uns bietet sich ihm auch die Möglichkeit, den Menschen hier eine andere Kultur zu zeigen. Das ist das, was für ihn dabei rausspringt…

Am nächsten Morgen stehen wir wieder zeitig auf, wir sollen uns noch mit Hrishipal den Rest des Dorfes ansehen. Überall werden wir eingeladen einen Chai zu trinken, jedes der Kinder will uns sein Zuhause zeigen, Ziegen werden gemolken, Büffel stolz präsentiert und unzählige Fotos gemacht – diesen einmaligen Moment, als Ausländer im Dorf waren, den will man schließlich festhalten. 

Opium zum Frühstück

Als wir wieder am Hof ankommen, sind die Dorfältesten längst eingetroffen und die ersten haben schon einen beseelten Gesichtsausdruck. Bophal ist gut drauf, wir sollen schnell frühstücken und uns dazu gesellen. Als die alten Herren beginnen, sich dich zu machen, ist es übrigens gerade einmal kurz nach 8:00 Uhr. Wenig später stoßen wir dazu und stellen zu unserer Überraschung fest, dass das Opium nicht geraucht, sondern aufgebrüht und schließlich getrunken wird. Kurz recherchiert stellt sich heraus: Opium aufzubrühen und zu trinken, ist die leichteste, ja man muss sagen, ungefährlichste Art des Opiumkonsums. Ein Schluck entspricht in ungefähr der Wirkung eines Glases Wein. Das erklärt auch, warum die  alten Herren noch immer geschwätzig sind. Zwei Stunden später hat auch niemand mehr Hemmungen, mit mir zu reden. Das wir nicht die gleiche Sprache sprechen, rückt dabei in den Hintergrund. Wenn ich ein Hindi-Wort aufschnappe wiederhole ich es einfach, manchmal spreche ich auch einfach Englisch, im Grunde ist das aber alles egal, wir haben eine gute Zeit.

Und während sich die alten Herren hier so langsam dicht schlürfen, arbeiten die Frauen übrigens auf ihren Höfen, füttern Tiere, waschen die Wäsche, versorgen Kinder und Enkel. Den Vormittag mit Opium dahinziehen zu lassen, das ist ein rein männliches Privileg.

Seitdem wir weitergereist sind, vergeht übrigens kaum ein Tag, an dem uns Bophal nicht anruft: Er will wissen, wo wir gerade sind und vor allem, ob es uns gut geht. S sagte irgendwann mal: „Sieht so aus, als hätten wir nun einen indischen Opa…“.

Indien Landleben: Stolze Jungs. © www.vayan.de
Die wahre Schönheit Indiens, zeigt sich auf dem Land. © www.vayan.de
Friseurbesuch auf dem Dorf in Indien. © www.vayan.de
Indien: Musik-Zeremonie mit den Dorfältesten. © www.vayan.de
Indien: Opium statt Frühstück. © www.vayan.de
Indien: Das Opium schlürft man sich gegenseitig aus der Hand. © www.vayan.de
Indien: Durch einen Trichter tröpfelt langsam das Opium. © www.vayan.de
Indien: Die Dorfältesten während der Opium-Zeremonie. © www.vayan.de
Landleben in Indien: Bauer beim melken der Ziegen. © www.vayan.de
Indien: Chai wird aus kleinen Bechern getrunken. © www.vayan.de
Indien: Die Dorfältesten nehmen Opium. © www.vayan.de
Indien: Die Dorfältesten nehmen Opium. © www.vayan.de
Dorfleben in Indien: Alte Frau auf ihrem Hof. © www.vayan.de
Landleben Indien: Eine Frau auf dem Dorf kocht uns Chai in ihrer Küche.
Indien: Wir verstehen uns auch, ohne die gleiche Sprache zu sprechen. © www.vayan.de
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