Mumbai: Stadt der Superreichen und der Superarmen und der dazwischen

Adler über Mumbai. © www.vayan.de

Als Isha Ambani und Anand Piramal Anfang Dezember diesen Jahres in Mumbai heiraten, haben sich zwei der reichsten Familienclans Indiens zusammengetan: Die Kosten der mehrtätigen Feierlichkeiten werden auf rund 100 Millionen Dollar geschätzt. Gefeiert wurde im Übrigen im Antilia, dem größten und vor allem teuersten Einfamilienhaus der Welt. Hier lebt die Familie der Braut auf einer Fläche von 37.000 Quadratmetern. In Dharavi, einem der größten Slums der Welt, leben unterdessen auf zwei Quadratkilometern Schätzungen zufolge zwischen 600.000 und einer Millionen Menschen. Einst am Stadtrand gelegen, befindet sich Dharavi heute inmitten Mumbais. Das Finanzzentrum ist keine zehn Gehminuten entfernt – irgendwann ist die Stadt einfach drumherum gewachsen. Und irgendwo zwischen sehr arm und sehr reich, gibt es hier noch eine gewaltige aufstrebende Mittelschicht.

Dass Indien ein armes Land ist, ist keine Neuigkeit: Nahezu 70 Prozent der Bevölkerung leben unter dem Existenzminimum und muss mit 30 Dollar im Monat auskommen. Viele mit weniger. Was mich an Indien jedoch am meisten überrascht hat – tatsächlich, weil ich vorher nicht darüber nachgedacht habe – ist, wie wohlhabend hier viele Menschen sind. Damit meine ich nicht die Superreichen, das oberste eine Prozent, das sich in einer jeden Gesellschaft findet, sondern die Mittelschicht. Die Kinder dieser aufstrebenden Mitte wie beispielsweise Ashoo, wir treffen sie auf Reisen im ganzen Land, doch vor allem in Mumbai treffen wir jene, deren Eltern es mit harter Arbeit zu einigem Wohlstand gebracht haben.

Da ist zum Beispiel Apram: Apram ist Anfang zwanzig, klein und zierlich, er könnte auch 15 sein. Wir lernen Apram im Hostel kennen. Hier verbringt er den ganzen Tag, trinkt mittags das erste Bier und bewegt sich so natürlich durch das Haus, dass ich am Anfang dachte, er würde hier arbeiten. Tut er aber nicht. Was er hier macht? Nun ja, das lässt sich schwer beschreiben, vermutlich schlägt er einfach die Zeit tot. Im Frühling nächsten Jahres wird Apram zum Studieren nach Kalifornien ziehen, einen Bachelor für Fotografie von einer indischen Universität hat er bereits in der Tasche. Apram ist Stammgast im Hostel. Als wir hier ankommen, ist er bereits Wochen in Mumbai.

Wer die Hotel-Preise in Mumbai kennt, weiß, das ist nicht ganz günstig, Schlafsaal hin oder her. Dazu noch Bier, Hasch, Kippen, Partys und Essen – da kann man in ein paar Wochen schon eine stolze Summe verbrennen.

Für Apram spielt das keine Rolle. Sein Vater arbeitet bei der Regierung, in Indien sind das begehrte, weil gut bezahlte, Jobs. Seine Eltern beschreibt er selbst als bodenständig, Geschwister hat er keine, also niemanden, mit dem er das Geld teilen muss. 

Was Apram von den vielen anderen jungen Indern der Mittelschicht, die wir unterwegs und hier in Mumbai treffen, unterscheidet, sind die Freiheiten, die er genießt. Was sie eint: Alle sind unfassbar klug. Damit meine ich nicht diese Art von Klugheit, die reicht, um gut durchs Studium zu kommen, sondern eben das bisschen mehr, das einen Eindruck hinterlässt. Im Gegensatz zu ihren Eltern, reisen sie durchs ganze Land: mal um für eine Woche in Goa feiern zu gehen, mal nach Delhi, um festzustellen, dass auch sie die Stadt – ums mal vorsichtig zu sagen – nicht allzu sehr mögen, mal nach Sikkim wegen der guten Luft und in den allermeisten Fällen nach Mumbai – zum Feiern, wegen der vielen Kultur, der zahlreichen business opportunties oder einfach, um sich inspirieren zu lassen. 

Und in der Tat ist Mumbai auch für uns die mit Abstand spannendste Großstadt des Indiens – und auch die entspannteste. Während die meisten Reisenden von Mumbai unwahrscheinlich gestresst sind, sind wir schon ab dem ersten Tag überrascht, wie entspannt hier alles ist – und sauber. Für indische Maßstäbe, versteht sich. Aber wie in jeder anderen Großstadt braucht es auch in Mumbai ewig, um von A nach B zu kommen. Von unserem Hostel in den Süden in den Stadtteil Colaba, das kommerzielle und kulturelle Herz der Mumbais, werden wir es nie unter zwei Stunden schaffen: Erst drei Kilometer mit dem Tuk-Tuk fahren, während der Rush Hour kann das schon mal eine Stunde dauern, dann in den Zug, der wiederum nochmal 40 Minuten fährt (mit etwas Glück erwischt man einen der Express-Züge, die nicht an jeder Station halt machen, dann geht’s etwas schneller), den Rest legt man am besten zu Fuß zurück. 

Im Süden wollten wir uns vor allem die Nationalgalerie Mumbais ansehen, denn die Ausstellungen hier sollen herausragend sein: Stellt sich heraus, wird die Ausstellung gerade gewechselt, schließt das Museum auch mal für gute zwei Wochen. Wir haben Pech. Weil’s gerade ums Eck ist, gehen wir – mehr oder weniger aus Verlegenheit – ins Prince of Wales Museum, das seit Anfang der 2000er Jahre eigentlich Chhatrapati Shivaji Maharaj Vastu Sangrahalaya heißt, aber das kann sich ja niemand merken. Eine gute Entscheidung: Die Ausstellungen an sich sind nicht sonderlich gut aufbereitet, dafür entschädigen jedoch die vielen herausragenden Objekte aus Kunst und Archäologie. Die naturgeschichtliche Ausstellung ist hingegen wirklich unterirdisch, dafür ist das Anfang des 20. Jahrhunderts errichtete Gebäude umso schöner.

Ohnehin gibt es hier, aufgrund portugiesischem und später auch britischem Einfluss, viel schöne Bausubstanz, die vielfach, wie es allzu oft ist, vor sich hin rottet. Wer im Süden Mumbais unterwegs ist, der sollte sich indes das Eis bei K Rustom’s nicht entgehen lassen. Touristen finden kaum hierher, was wohl vor allem daran liegen mag, dass der Eisladen nach außen wenig den Anschein macht, einer zu sein. Absoluter Geheimtipp, auch, weil es von hier nur noch wenige Meter bis zur Back Bay sind: Hier treffen sich Jung und Alt am späten Nachmittag zum Sonnenuntergang, sitzen auf der Mauer, die sich entlang der Bay schlängelt, snacken, schauen aufs Meer hinüber zur Skyline, die sich jedoch durch den Smog und Nebel nur schemenhaft erahnen lässt. Manche junge Pärchen knutschen. So in aller Öffentlichkeit, habe ich das zuvor auch noch nie in Indien gesehen und ich würde mich auch so weit aus dem Fenster lehnen und sagen: Ohne sich zu verstecken, ist das sonst auch nirgends in Indien möglich. Während wir hier so sitzen, dauert es keine zwei Minuten bis wir angesprochen werden: Wo wir herkommen, ob wir das erste Mal in Indien sind, wo wir schon überall waren und wie es uns in Mumbai gefällt. Wir spielen die ganze Klaviatur der Standardfragen durch und lernen, dass der freundliche 43-jährige Inder selbst viel Interessantes zu erzählen hat: Er ist Lehrer, wird aber bald nach Spanien ziehen, nach Barcelona um genau zu sein. „Business?“, frage ich. Nein, nein, sagt er, um zu heiraten. Letztes Jahr hat er eine Spanierin, ebenfalls Lehrerin, kennengelernt. „Oh wow!“, sage ich, „So you must be very excited!?“ „No, no, not excited! I am curious!“, sagt er und lacht.

Atemberaubendes und herzzerreißendes Mumbai

Mumbai, das frühere Bombay, ist vor allem so spannend, weil es so vielschichtig ist: Vieles, was hier passiert, lässt sich durch einfache Schwarz-Weiß-Erklärungsfolien nicht abbilden: Wer beispielsweise denkt, dass das Leben im Slum nur von Armut und Schrecken geprägt ist, der sollte sich einmal mit den Einwohnern Dharavis unterhalten. In unzähligen Interviews betonen sie immer wieder, dass sie gern hier leben und durchaus stolz auf sich und ihre Gemeinschaft sind. Warum sie Grund haben stolz auf sich zu sein? Dafür gibt es ungefähr 650 Millionen Gründe, denn diesen Umsatz (in Dollar) erwirtschaftet der Slum jährlich mit der Herstellung von Produkten. Auf der anderen Seite, haben die meisten Einwohner Dharavis keinen Zugang zu fließendem Wasser, zu sauberem schon mal gar nicht. Krankheiten, Verelendung, Gewalt, Hunger, Tod, auch das gehört zu Dharavi. Es gibt mittlerweile eine Reiseagentur in Mumbai, die geführte Touren durch Dharavi anbietet. Muss jeder selbst wissen, wie er dazu steht. Ich persönlich finde diese Form des Armutstourismus durchaus schwierig und lehne sie ab.

Wer sich trotzdem was Trauriges konzentriert auf kleiner Fläche ansehen möchte, dem lege ich den Zoo in Mumbai ans Herz.

Der Zoo ist recht klein, ein bisschen runtergekommen, wenige Tiere, dafür umso mehr lärmende Baustellen, aber mit sensationell gutem Popcorn, das man an einem kleinem Stand für 10 Rupien im Zoo kaufen kann. Das sind weniger als 20 Cent. Wesentlich empfehlenswerter ist hingegen ein Besuch des Dr. Bhau Daji Lad Mumbai City Museum, das sich keine zwanzig Meter vom Zoo entfernt befindet. In der Ausstellung kann man wahnsinnig viel über indische Ethnien und Kulturen lernen, was jedoch sehr mühsam ist, weil sie wirklich richtig, richtig schlecht aufbereitet wurde. Doch auch hier wieder: Das Gebäude ist der Hammer!

Atemloses Mumbai

Was man in Indiens Großstädten schnell lernt: Alles ist jederzeit verfügbar. Mitten in der Nacht Essen bestellen? Kein Problem. Ist das Essen nicht innerhalb einer halben Stunde da, wird sich mindestens laut beschwert, meistens werden die Fahrer beschimpft und dann auch nicht mehr bezahlt. Viele Inder erzählen uns, dass indische Kunden die schlimmsten sind. Nachdem ich mehrfach solche Situationen selbst erlebt habe: Ich glaube ihnen. Da hilft es übrigens auch nicht, wenn der Fahrer mit Verweis auf die Rush Hour zu erklären versucht, dass es nunmal nicht schneller geht. Ohnehin fragt man sich, wie Mumbai ohne ein nachhaltiges Stadtentwicklungskonzept durch die nächsten Jahre kommen will: Während der Rush Hour geht in Mumbai eigentlich nichts mehr, das heißt zwischen 8:00 und 10:00 Uhr morgens und abends 18:00 bis 22:00 Uhr. Wer kann nimmt die U-Bahn oder den Zug, um zur Arbeit oder nach Hause zu kommen. Da das Netz aber bisher nur dürftig ausgebaut ist, kommt man um ein Tuk-Tuk dennoch nicht drumherum, denn zwischen der U-Bahn-Station und dem eigentlich Ziel liegen meist noch ein paar Kilometer – während auf den Straßen Mumbais der Verkehr steht. 

Was für Touristen und Geschäftsleute allenfalls nervig und zeitraubend ist, wird für Mumbais Einwohner jedoch schnell zur Lebensbedrohung: Nach unseren ersten paar Tagen in Mumbai sind wir für eine Woche nach Goa gereist, wieder zurück in Mumbai haben wir uns so zu Hause gefühlt, dass wir erstmal – wie man das halt so im Alltag macht – ins Kino gegangen sind. Für die sechs Kilometer lange Rückfahrt nach Andheri, dem Stadtteil, in dem unser Hostel gelegen ist, werden wir mit dem Tuk-Tuk nahezu zwei Stunden brauchen. Neben uns die ganze Zeit ohrenbetäubende Sirenengeräusche, ein Feuerwehrauto quält sich ebenfalls durch den zähen Verkehr. Nachdem wir eine Stunde so nebeneinander her tuckern, sage ich zu S: „Ich glaube nicht, dass die’s noch schaffen, heute was zu löschen…“. Als ich am nächsten Morgen die Times of India aufschlage, lese ich: Krankenhaus in Andheri abgebrannt. Sechs Tote. Das jüngste Opfer war sechs Monate alt.

Unsere zweimonatige Indienreise geht nun dem Ende zu was soll ich sagen: It’s been one hell of a ride! Next stop: Kambodscha.

Adler über Mumbai. © www.vayan.de
Prince of Wales Museum in Mumbai. © www.vayan.de
Exponate im Prince of Wales Museum in Mumbai. © www.vayan.de
India Gate in Mumbai. © www.vayan.de
Colaba Social Bar: Die hippe Bar im Süden von Mumbai. © www.vayan.de
Taj Hotel in Mumbai. © www.vayan.de
Bestes Eis in Mumbai: K Rustom's bei der Bay. © www.vayan.de
Unschlagbar gute Eis-Sandwiches gibt es bei K Rustom's in Mumbai. © www.vayan.de
Dr. Bhau Daji-Lad City Museum in Mumbai. © www.vayan.de
Indische Touristen im Dr. Bhau Daji-Lad City Museum in Mumbai. © www.vayan.de
Die Back Bay: Der Hotspot in Mumbai zum Sonnenuntergang. © www.vayan.de
Im Zug in Mumbai. © www.vayan.de
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