Kambodscha – irgendwie nicht so

Am Otres Beach in Sihanoukville. © www.vayan.de

Spontan haben wir in Mumbai beschlossen, weiter nach Kambodscha zu reisen. Warum wissen wir eigentlich auch nicht so genau, denn wir wissen nicht viel über das Land. Als wir am Flughafen in Phnom Penh ankommen und uns ins Tuk-Tuk setzen, denken wir: Boah, wie geil ist das denn hier? Wenn man gerade aus Indien kommt, dann wirkt Phnom Penh wie ein südostasiatisches Disneyland. Die kambodschanische Hauptstadt ist aufgeräumt, es riecht nicht unbedingt an jeder Ecke gut, aber irgendwie interessant und selbst der Verkehr ist nicht sonderlich wild. Noch während der Fahrt beschließen wir, vier Wochen in Kambodscha zu bleiben. Nachdem sich diese vier Wochen gerade dem Ende zuneigen kann ich sagen: Das zwar keine Scheißidee, aber eben auch nicht die beste, denn Kambodscha ist ein wahnsinnig la-la-laaaaangweiliges Reiseland. Wenn mich jemand fragt, was das Aufregendste war, das mir in Kambodscha widerfahren ist, dann ist meine Antwort: Brech-Durchfall.

…und das war mir dann – ehrlich gesagt – schon fast zu aufregend. Sowas hatte ich, soweit ich mich erinnern kann, noch nie. In Kambodscha rafft es mich gleich zweimal nieder. Keine Ahnung, woran’s lag. Vermutlich einfach Pech gehabt. Die ersten Tage in Phnom Penh verbringe ich also hauptsächlich delirierend im Bett oder heulend auf dem Klo. Als ich wieder geradeaus gucken kann, machen wir uns mit dem Bus auf den Weg nach Siem Reap zum Aushängeschild des Landes: Angkor Wat.

Es gibt so Sehenswürdigkeiten, die hat man schon tausendfach auf Bildern gesehen, kommt man hin, stellt sich heraus, dass sich vielleicht drei, vier schöne Fotos machen lassen, aber wirklich beeindruckt ist man nicht: Angkor Wat ist keine dieser Sehenswürdigkeiten und hält, was es verspricht. Wir werden drei Tage mit dem E-Bike durch die Tempelanlage rattern, versuchen küchenpsychologisch zu erschließen, wie, wo und wann sich die Touristenströme während des Tages auf der riesigen Anlage verteilen, um dann immer genau dort zu sein, wo sie gerade nicht sind. Wieviele Touristen jedes Jahr nach Angkor Wat kommen? Mehr als zwei Millionen. Mein Eindruck: 1,5 Millionen dieser Touristen sind gerade alle hier. Jeden Morgen 5:30 Uhr drängen sich Hunderte Menschen vor dem bekanntesten Tempel der Anlage (Angkor Wat), um Fotos von der hinter dem Tempel aufgehenden Sonne zu machen. Hinzu kommen noch ein paar tausend Touristen, die im Laufe des Vormittags von den Reisebussen ausgespuckt werden. Wer nicht den Tag mit dieser Rentner-, Familien- und Backpacker-Stampede verbringen möchte, der tut gut daran, ebenso wie sie, zeitig in den Tag zu starten, aber eben an einem anderen Eingang, insgesamt gibt es nämlich vier Zugänge zu Tempelanlage. Auf das ikonische Foto von Angkor Wat mit dem Seerosenteich bei Sonnenaufgang kann man, ehrlich gesagt, auch gut verzichten. Auf Instagram gibt’s davon ja schon so ungefähr acht Millionen schlechter Bilder. Warum noch ein weiteres machen?

Die Khmer, man kann sie nur lieben

Kambodscha ist ein hübsches Land. Mit atemberaubenden Naturschönheiten oder Abenteuern, die sich sonst nirgendwo erleben kann, kann das Land jedoch nicht aufwarten. S wird irgendwann sagen: „Hier in Kambodscha vermisse ich Indien.“ Geht mir auch so. Irgendwie schade, aber so richtig zieht mich das Land nicht seinen Bann – und das obwohl, die Cambodis, die eigentlich Khmer heißen, die süßesten Menschen on planet earth zu sein scheinen: Sie sind unwahrscheinlich freundlich, lächeln, scherzen und lachen viel, mögen Bier genauso gern wie Karaoke und sind unwahrscheinlich unkompliziert. Die Khmer, man kann sie nur lieben.

Vier Wochen unterwegs in Kambodscha und wir haben nahezu alle touristischen Highlights des Landes abgegrast: Wir waren in Siem Reap, in Kep, in Kampot, Kratie und auf der traumhaften Insel Koh Rong Sanloem. Zu erzählen habe ich nichts. Es war nett. Ein Ort ist mir jedoch in besonderer Erinnerung geblieben: Sihanoukville.

Sihanoukville: „…sooooo many Chinese! Not good!“ 

„Wo geht’s für euch als nächsten hin?“ 

„Nach Sihanoukville und dann weiter nach Koh Rong Sanloem.“ 

„Oh Koh Rong Sanloem. Very good. Sihanoukville not good. Too many Chinese. Sooooo many Chinese!“, sagt Elia, ein Khmer, den wir in Siem Reap kennenlernen.

Sihanoukville ist eine Stadt an der Küste und an Hässlichkeit kaum zu überbieten, doch das war nicht immer so: Es ist noch gar nicht so lange her, da waren die Strände von Thailand schon längst verbaut, da galt der Otres Beach von Sihanoukville vielen noch als einer der schönsten Strände Südostasiens. Zu jener Zeit, war Sihanoukville noch ein kleines verschlafenes, durchaus touristisches Städtchen, in dem das Leben dahinzog, wie es das nun mal in Kambodscha nun mal so tut. Das ist nur zwei Jahre her. Seitdem ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Wer heute nach Sihanoukville kommt, den erwarten endlose Baustellen gigantischen Ausmaßes. Was bereits fertig gestellt ist, ist nahezu ausnahmslos in chinesischer Hand. Es entstehen Hotels, Appartements, Supermärkte und vor allem Casinos – und das obwohl, Glücksspiel in Kambodscha verboten ist…zumindest für die Khmer, für die Chinesen gelten andere Gesetze. 

Sihanoukville ist die Heimat von Kambodschas einzigem Tiefwasserhafen und damit in den Fokus chinesischer Investitionspolitik geraten. Während sich südostasiatische Länder wie Thailand, Myanmar und Vietnam vermehrt versuchen, sich dem Einfluss chinesischen Geldes zu entziehen, hat der kambodschanische Premierminister das Land für Investitionen aus dem Reich der Mitte geöffnet. Mit dem chinesischen Geld aus der Belt and Road Initiative von Präsident Xi Jinping werden verschiedene Infrastrukturprojekte realisiert, das betrifft vor allem den Straßenbau und den Ausbau des Hafens. 

Doch jede chinesische Investition hat ihren Preis und der ist nicht selten hoch. Kambodscha ist nicht das erste Land, das das lernen musste: Während in Sihanoukville noch kräftig gebaut wird, sind bereits heute an der kambodschanischen der Südküste Kraftwerke und Offshore-Ölbetriebe im Wert von 4,2 Milliarden (!) Dollar fest in chinesischer Hand. Entlang des Highways nach Phnom Penh vorbei am Flughafen von Sihanoukville, beides finanziert mit chinesischem Geld, reihen sich unterdes zahlreiche Real Estate-Firmen. Ihre Offerten sind in chinesischen Schriftzeichen verfasst, an wen sie den verbleibenden Grund und Boden verkaufen wollen, ist damit klar. 

Während die Kritik im Land und die Angst vor dem chinesischen Geld wächst, hat sich der kambodschanische Premierminister Hun Sen vor einer Weile ungefähr so geäußert: „Als wir unser Land für Europa öffneten, haben wir nicht als Backpacker bekommen. Die Chinesen investieren, bauen und schaffen Arbeitsplätze…“

So richtig die Aussage im Kern auch sein mag, so falsch ist sie: Es stimmt, große Investitionen europäischer Firmen in Kambodscha sind im Vergleich zum Engagement der chinesischen Regierung rar gesät. Doch haben die chinesischen Investitionen auch Arbeitsplätze geschaffen? Nein, sagen die Khmer, mit denen wir uns unterhalten. Schaut man einmal auf der Bevölkerungszahlen Sihanoukvilles, bestätigt sich dieser Eindruck: Schon heute gehen Schätzungen davon aus, dass 20 Prozent der Einwohner Sihanoukvilles chinesischer Herkunft sind. Die chinesische Regierung schafft im Süden Kambodschas Arbeitsplätze für die eigenen Landsleute, die Khmer gehen mehrheitlich leer aus, nur einige wenige profitieren. Selbst vom chinesischen Tourismus bleibt bei ihnen nichts hängen, denn auch wenn im Jahr 2017 120.000 Chinesen nach Sihanoukville gekommen sind, ein Zuwachs von mehr als 125 Prozent zum Vorjahr, ihr Geld bleibt fest in chinesischer Hand: Sie wohnen in chinesischen Hotels, essen in chinesischen Restaurants, shoppen in chinesischen Supermärkten und Bekleidungsgeschäften und verprassen ihr Geld des Nächtens in den hiesigen Casinos – und Geld, davon haben die chinesischen Gruppenurlauber, die es hauptsächlich nach Sihanoukville zieht, eine ganze Menge.

Diese Entwicklungen haben nicht nur in Sihanoukville, sondern im ganzen Land zu einer zunehmenden Feindseligkeit der Einheimischen gegenüber der Chinesen geführt. Man lebt in Sihanoukville Seite an Seite, miteinander zu tun hat man nichts. Passiert es doch einmal, dann geht das nicht selten ohne eine Auseinandersetzung aus: Dass sich die sehr höflichen und zurücknehmenden Khmer und chinesische Gruppenreisende in Höflichkeitsangelegenheiten oft verpassen, ist kein Wunder. Die Aversionen wachsen, da helfen auch die in Sihanoukville investierten 1,3 Milliarden (!) Dollar nicht weiter. Auch nicht in einem Staat, der als einer der ärmsten Südostasiens gilt.

Ein weiteres Problem: Je mehr chinesische Gruppenurlauber jedes Jahr über Sihanoukville ausgekippt werden, – sind die Bauvorhaben hier erst einmal realisiert, sollen es jährlich bis zu zwei Millionen sein -, desto mehr bleiben Europäer, US-Amerikaner und chinesische Individualurlauber fern, eben die Reisenden, die Geld in die Kassen der Einheimischen spülen. Und weit gefehlt, wer nun denkt, dass sich diese Entwicklung nur auf Sihanoukville bezieht. Selbst auf der Trauminsel Koh Rong Sanloem, die noch immer als der Geheimtipp schlechthin gilt, weil sie das ist ist, was Thailand mal vor 30 Jahren war, wurde kürzlich das erste chinesische Casino eröffnet. Im Grunde der Anfang vom Ende.

Kambodscha: Was bleibt dann noch?

Umso betroffener macht mich im Rückblick das rücksichtslose Verhalten zahlreicher Touristen in der Tempelanlange von Angkor Wat: Sie schrammen mit ihren Rucksäcken an den fein ziselierten Gesichtern der Apsara-Stauen entlang, kaum einer schafft es an ihnen vorbeizugehen, ohne die Hand auf die Brüste der Stauen zu legen, sie kratzen ihre Initialen in den weichen Jahrhunderte alten Stein, wer kann, lehnt sich an, wo auch immer es sich anbietet. Da stellt sich mir die Frage: In einem armen Land wie Kambodscha, das noch dazu nicht mit herausragenden Naturschönheiten gesegnet ist wie es so viele Nachbarstaaten sind, was bleibt dann noch ohne Angkor Wat?

Touristen fotografieren sich in Angkor Wat, während schon die nächsten anstehen, um das gleich Foto zu machen. © www.vayan.de
Angkor Wat: Der berühmteste Tempel der kambodschanischen Tempelanlage. © www.vayan.de
Apsara-Statuen Angkor Wat. © www.vayan.de
Die wunderschönen Tempel von Angkor Wat. © www.vayan.de
Der Dschungel erobert die Tempelanlage von Angkor Wat zurück. © www.vayan.de
Kambodscha: An der Küste von Kep.
Kep: Auf dem Grab Market. © www.vayan.de
Sonnenuntergang am Mekong in Kratie. © www.vayan.de
Kinder spielen am Strand von Koh Rong Sanloem mit ihrem selbstgebauten Styroporboot. © www.vayan.de
Chinesisches Bauprojekt hinter dem Strand von Sihanoukville. © www.vayan.de
Das Alte muss dem Neuen weichen in Sihanoukville. © www.vayan.de
Baustelle in Sihanoukville. © www.vayan.de
Taxi vor einer Baustelle in Sihanoukville. © www.vayan.de
Am Otres Beach in Sihanoukville. © www.vayan.de
previous arrow
next arrow
previous arrownext arrow
Slider

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.