Iran: Mit dem dem Schmugglerbus nach Chabahar

Hotel Laleh, Chabahar: Die Köche präsentieren stolz ihre Speisen zum "International Food Day".

Noch unterwegs in der Wüste, beschließen wir weiter nach Chabahar zu reisen. Chabahar liegt in der Provinz Sistan und Belutschistan und ist die südlichste Stadt des Irans: In Anbetracht dessen, dass der Iran irre groß ist und wir in wenigen Tagen schon wieder in Teheran sein müssen, weil wir hier den Flug nach Neu-Delhi nehmen, ist das eine ziemliche Schnapsidee. Wir machen es trotzdem. Warum wissen wir auch nicht so genau, aber die Region ist dafür bekannt, sich deutlich vom Rest des Irans zu unterscheiden. Darauf haben wir Bock. Nach Sistan und Belutschistan zieht es ziemlich wenige bis keine Touristen, da die Region als unsicher gilt. Das liegt zu einem kleinen Teil an der Nähe zu Pakistan und dem damit verbundenen Opium- und Benzinschmuggel, zum großen Teil aber vor allem an den Paramilitärs, die es hier gibt. Na gut, was soll das schon bedeuten, denke ich mir – am Ende wird sich herausstellen, dass es uns doch einigermaßen verunsichert. Aber von vorn…

Von Kerman nehmen wir den Nachtbus nach Chabarhar. Die Fahrt soll ungefähr 14 Stunden dauern und während Reisen mit dem Bus im Iran immer eine sehr komfortable Angelegenheit sind, wird es diese nicht: Am späten Nachmittag setzen wir uns in den Bus, es wird mehr als drei Stunden dauern, ehe wir die Stadtgrenzen verlassen: Das liegt vor allem daran, dass unsere Busfahrer noch am Bahnhof ewig aufgeregt in ihre Telefone schreien. Es gibt offensichtlich viel zu klären. Als wir am Stadtrand angekommen sind, wird uns auch klar was: Es ist mittlerweile dunkel. Neben uns fährt ein Jeep, hält am rechten Fahrbahnrand an und so tut es auch der Bus. Unsere beiden Busfahrer und drei andere Dudes, die irgendwie dazu gehören, springen raus und werden nun eine halbe Stunde damit verbringen, vom Jeep Benzin in rauen Mengen – und damit meine ich mehr als ein paar hundert Liter – in den Gepäckraum des Busses zu verladen. Das erklärt nicht nur, warum wir unsere beiden Rucksäcke in den kleinsten Verladeraum des Busses quetschen mussten, sondern auch, warum es im Bus erbärmlich nach Benzin stinkt. Ein kleiner Auffahrunfall, denke ich, und wir werden alle sterben. Zu allem Überfluss habe ich auch eine kleine Magenverstimmung aus der Wüste Lut mitgebracht. Nun gut. 

Die Musik im Bus nach Chabahar ist erbärmlich laut, die Luft ist stickig, meine Nase hat sich auch nach sechs Stunden noch nicht an den Benzingeruch gewöhnt. Stinkt noch genauso wie am Anfang, mein Magen rumort. Aus irgendeinem Grund schlafe ich dennoch ein. Dann Polizeikontrolle. Im Iran ist das nichts ungewöhnliches, nur dass sich der Polizeibeamte sicher ist, dass unser Visum abgelaufen ist. Wir sind uns sicher, dass dem nicht so ist und kommen glimpflich davon: Der Beamte lächelt das weg und wir versprechen, uns zu kümmern. Mit einem ungültigem Visum durch den Iran zu reisen, ist keine Kleinigkeit, das endet nicht selten mit Verhaftung. Zu meiner Übelkeit gesellt sich nun noch eine Prise, ich würde nicht sagen Angst, aber durchaus Verunsicherung. In meinem Magen geht es nun schon seit so vielen Stunden rund, dass ich nur noch an Schlaf denken kann.

Als ich das nächste Mal im Halbschlaf die Augen öffne, ist es noch immer Nacht. Vor uns fährt ein Militärjeep, bremst schroff, ein großer Mann steht auf der Ladefläche und drückt sein Maschinengewehr an die Frontscheibe. Archaiischer könnte eine Geste kaum sein, ich denke sofort wieder an unser abgelaufenes oder auch nicht-abgelaufenes Visum, mit ihm möchte ich das jedenfalls nicht ausdiskutieren müssen

… muss ich am Ende auch nicht. Er läuft einmal routiniert mit grimmigen Blick durch den Bus, interessiert sich weder für unseren Reisepass noch für den irrsinnigen Benzingestank, wir fahren weiter und mir ist immer noch übel.

Nix los in Chabahar

Am nächsten Tag kommen wir in Chabahar an. Es ist heiß, wir nehmen ein Taxi zu einem der wenigen Hotels der Stadt – das Hotel Laleh International. Von außen wirkt das Hotel Laleh wie ein gehobenes Businesshotel, im Inneren wie ein Grand-Hotel aus längst vergangenen Zeiten: Von der großen Lobby führen zwei elegante, weite Wendeltreppen in die erste Etage, roter Teppich leitet im Foyer vorbei an aparten Sitzgelegenheiten. Uns führt der Weg zur Rezeption. Die Dame hier spricht acht bis zehn Worte Englisch, also mehr als genug, um ein Zimmer zu buchen. Als wir ihr unseren Reisepass geben, schaut sie uns mit großen Augen an: „Visa not valid.“ Doch, doch, sagen wir und erklären ihr unsere Version der Geschichte.

Wir planen, drei Tage in Chabahar zu verbringen: Direkt am Meer gelegen, soll es hier auch wunderschöne Berge geben – wir werden sie nie sehen. In eine Region, die als „unsicher“ gilt zu reisen, ist das eine, das mit einem Visum zu tun, das Zweifel aufkommen lässt, das andere. Wir werden Chabahar in den kommenden drei Tagen nicht verlassen und viel Zeit im Hotel verbringen, denn schon am ersten Tag wird klar: Chabahar selbst hat nicht viel zu bieten. Klar, das Meer befindet sich direkt vor unserer Haustür, aber bei einer Temperatur von 35 Grad, der irrsinnigen Luftfeuchtigkeit und dem ganzen Geraffel, das ich anhabe, ist der Strand so eine Un-Ort für mich geworden. Sonderlich schön ist er ohnehin nicht, denn wo Sand sein sollte, hat sich nicht selten dunkler Industrieschlick abgesetzt. 

Am Strand von Chabahar.
Fischerhütten am Strand von Chabahar.
Blick aufs Meer vom Stone Parc in Chabahar.
Chabahar, Iran: Auf einen Espresso im Hotel Laleh International.
Chabahar: Hotel Laleh International.
Chabahar: Lobby im Hotel Laleh International.
Hotel Laleh, Chabahar, "International Food Day".
Hotel Laleh, Chabahar, "International Food Day": Dessert
Hotel Laleh, Chabahar: Die Köche präsentieren stolz ihre Speisen zum "International Food Day".
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Dann gibt es hier natürlich wie in jeder Stadt im Iran einen Basar. Ich möchte nicht sagen, dass der Basar Chabahars ein trübseliger Ort ist, aber glamourös ist er auch nicht. Viele der Händler sitzen mit ihren wenigen Waren auf dem Boden, es riecht nach Frittiertem, die geographische Nähe zu Indien ist hier deutlich zu sehen und zu spüren. 

Momentan ist in Chabahar noch wenig los, doch das wird sich im kommenden Jahr schlagartig ändern, denn dann sind die Bauarbeiten am Hafen beendet. Indien hat hier mehr als eine halbe Milliarde Euro investiert, während der Konkurrent China im benachbarten Pakistan Unsummen in den Ausbau eines Hafens investiert hat.

Grand-Hotel, das sonst keines sein darf

An der Rezeption haben wir unterdessen erhebliche Fortschritte gemacht: Pässe wurden kopiert, Formulare ausgefüllt, der Zimmerschlüssel überreicht, doch bevor wir aufs Zimmer gehen, sollen wir uns doch bitte am Frühstücksbuffet bedienen. Wir danken freundlich, versuchen aber zu erklären, dass wir erstmal kurz duschen wollen vor dem Frühstück. Die Wahrheit ist: Wir stinken nach Benzin. Natürlich ist das Benzin im Bus ausgelaufen, daher auch der krasse Geruch im Innenraum, wir wollen uns samt Rucksack einmal unter die Dusche stellen. Stellt sich heraus: Ob man den Rucksack auswäscht oder nicht, dem Benzin ist das ganz gleich, wir werden den Gestank nicht los, auch nach Tagen nicht. Gerade als S unter der Dusche ist und ich dabei bin, mich anzuziehen, klopft es an der Tür. Ich öffne. Eine junge, schöne Frau mit Servierwagen steht davor: Mit dabei hat sie Spiegeleier, Tee, verschiedene Marmeladen, Obst, Salate, Brote – den internationalen Gästen, die das Frühstücksbuffet einfach ignoriert haben, soll es an nichts fehlen. Unterdessen riecht es nun auch im Flur vor unserem Zimmer nach Benzin, doch alle Mitarbeiter sind zu freundlich, ihre Nase in unserer Gegenwart zu rümpfen.

Während wir am ersten Tag im Hotel Laleh aus der Distanz mit freundlichen Augen beobachtet werden, kommt der Twist am zweiten Tag: Morgens sitzen wir gemeinsam in der Lobby, trinken Tee und versuchen ins Internet zu kommen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, wie sich herausstellen wird. Auf einmal höre ich S lachen und sagen: „Ich liebe dieses Männerding hier!“ Was war passiert? Wenige Minuten zuvor ging der Hotelmanager, ein hoch gewachsener Mann im schicken Anzug, an ihm vorbei, sagte kein Wort, zwickte ihn nur in die Schulter.

Unvorstellbar, würde ein Hotelmanager in Deutschland sowas wagen, im Iran hingegen ist es üblich, dass man mit den Menschen, die man mag, körperlich wird – nur geschlechterübergreifend geht das nicht. S fühlt sich jedenfalls pudelwohl.

Derweil beobachte ich das Treiben am anderen Ende der Lobby: Hier arbeiten schon seit einer Stunde mal fünf, mal sechs Personen daran, die Siebträger- und Espressomahlmaschine in Gang zu setzen. Nach gut zwei Stunden scheint es gelungen zu sein. Stolz, mit breitem Lächeln bringt uns der Hotelmanager zwei doppelte Espressi. Weder Mahlstufe, noch Druck sind bei den Maschinen richtig eingestellt. Der Espresso schmeckt bitter und doch scheinen alle Mitarbeiter im Hotel Laleh glücklich, dass das Ungetüm endlich wieder in Betrieb genommen werden konnte und beobachten gespannt, wie wir an unseren kleinen Tassen nippen.

Unterdessen wird es Mittag. S hat sich aufs Zimmer zurückgezogen, weitere dreimal seinen Rucksack ausgewaschen, ich sitze in der Lobby und schreibe. Gerade als sich immer mehr Personen in der Lobby aufhalten, beschließe ich, auch aufs Zimmer zu gehen. Der Hotelmanager fängt mich ab, fragt mich, wo mein „husband“ ist und erzählt etwas von „International Food Day“ und Restaurant. Schnell wird klar, was auch immer das ist, wir sind eingeladen. Also spurte ich die Wendeltreppe hinauf und ziehe meinen Fake-Husband aus dem Bett. Es gibt Essen, sage ich. So richtig bin ich mir aber nicht sicher, vielleicht sollen wir uns auch nur das Restaurant ansehen.

Als wir das Restaurant betreten, brauchen wir ein wenig, um zu verstehen, was hier gerade passiert: In dem großen, äußerst karg eingerichteten Raum sind zahlreiche Köche vertreten. Anhand ihrer Arbeitskleidung und den Mützen sind sie leicht zu identifizieren. Die meisten stehen um ein Buffet versammelt, unzählige Handys machen Fotos von zwei kleinen Speiseplatten, die hier stehen. Ansonsten sind hier noch einige andere Personen: Ein langer Tisch ist mit ernst dreinschauenden Männern besetzt. Dabei kann es sich nur um eine Art Jury handeln, denke ich, als ich das Plakat „International Food Day“ sehe. An anderen Tischen sitzen Pärchen oder kleinere Gruppen. 

Der Hotelmanager, sichtlich aufgeregt und erfreut, dass er uns für dieses Event gewinnen konnte, bedeutet uns, dass wir doch gern Fotos machen können. Aus Freundlichkeit nehme ich übertrieben viele Bilder von den beiden Speiseplatten auf und hoffe insgeheim, dass der Rest des u-förmigen Tisches ebenfalls noch befüllt wird. Wir haben großen Hunger. Endlich ist es dann soweit: Die Köche drapieren immer mehr dieser Platten auf den weißen Tischdecken. Die Stimmung ist gelöst, Live-Videos werden gestartet, unzählige Fotos werden gemacht, ganz zufällig sind wir immer wieder im Bild.

Der ganze Zauber dauert mehr als eine halbe Stunde. Anschließend werden sowohl der Hotelmanager, als auch der Hoteldirektor eine Rede halten – auf Farsi versteht sich. Wir lächeln interessiert, nicken hier und da und verstehen kein einziges Wort bis der Hoteldirektor offensichtlich auf den internationalen Besuch zu sprechen kommt und sich alle Blicke auf uns richten. Man ist sichtlich stolz darauf, dass der „International Food Day“ dank unserer Anwesenheit auch seinen Namen verdient.

Als es endlich ans Essen geht, ist es nahezu selbstredend, dass wir uns zuerst die Teller voll schlagen dürfen. Immer wieder wird der Hotelmanager im Anschluss an unserem Tisch stehen, uns neue Köstlichkeiten bringen, bevor die anderen geladenen Gäste es wegessen können. Wir werden zahlreiche Hände schütteln, Fotos mit allen einzelnen Anwesenden machen. Selbstredend, dass wir beim Gruppenfoto ganz vorn in der Mitte stehen werden.

So gehen schließlich die Tage dahin im Hotel Laleh und unser Flug nach Teheran steht kurz bevor. Mit dem Taxi fahren wir schließlich zum Flughafen Chabahar, von dem wir nur nach ausführlicher Recherche wissen, dass er überhaupt existiert. Auch hier wieder kritische Blicke auf unser Visum, kleinere Diskussionen unter den Militärs, auch sie haben offensichtlich verschiedene Meinungen, was die Gültigkeit unseres Visums betrifft. Wir halten uns zurück. Abschließend sollen wir noch kurz unsere Rucksäcke öffnen. Ich ahne Schlimmes, doch ein Sicherheitsbeamter wirft nur einen kurzen, uninteressierten Blick auf meine Sachen. Ganz anders ergeht es dem Iraner neben mir: Ein Sicherheitsbeamter kramt jede einzelne Socke aus seinem Koffer aus und lässt sie wieder fallen. Am Ende herrscht im Koffer ein riesiges Chaos. Der Mann nimmt es gelassen und verabschiedet sich freundlich mit einem Lächeln. Und wir tun es ihm nach: Mach’s gut, Chabahar! Wir kommen wieder, aber dann ohne Visum-Hustle…

Von Chabahar zurück nach Teheran

Unsere Iran-Reise neigt sich dem Ende zu. Uns bleiben noch zwei Tage in Teheran. Wir werden uns mit unserer Freundin Reyhane treffen. Sie teilte sich mit ihrem Mann Bentham, uns und unserem Freund Ali ein Abteil im Zug von Teheran nach Tabriz am Anfang unserer Reise. Wir mussten versprechen, dass wir uns melden, sobald wir wieder in Teheran sind. Gesagt, getan und schon sitzen wir mit ihrer Familie am Tisch. Die Mama hat viele Stunden in der Küche zugebracht und tafelt fürstlich auf. Es schmeckt fantastisch. Danach möchte die Familie mit uns zum Milad Tower in Teheran, einem der zehn höchsten Türme der Welt, damit wir noch einmal den Blick über Teheran genießen können. Danach noch zu einem See mitten in der Stadt. Teheraner lieben es, ihre Freizeit im Freien zu verbringen, zu snacken und Tee zu trinken. Als wir zurück in unser Hostel kommen, wird es spät nachts sein. Morgen fliegen wir nach Delhi und wissen schon jetzt, dass wir unserer Freunde im Iran sehr vermissen werden…

Teheran: Eine Runde Kickern mit Reyhanes Verlobten.
Teheran: Zu Gast bei Reyhanes Familie zum Mittagessen.
Teheran: Zu Gast bei einer iranischen Familie.
Teheran, Milad Tower: S und ich.
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