Hongkong: Millionenmetropole ohne Tonspur

Blick auf Hongkongs Skyline zum Sonnenuntergang. © www.vayan.de
In Hongkong leben mehr als sieben Millionen Menschen. Diese Menschen sieht man, aber man hört sie nicht. „Es ist so ruhig. Als hätte jemand die Tonspur rausgenommen.“, sagt S. Und es stimmt: Leiser als Hongkong kann eine Millionenmetrople kaum sein und ich muss sagen, ich habe mir den Alltag in Hongkong etwas anders vorgestellt: irgendwie lauter, stressiger, anstrengender. Selbst das U-Bahnfahren zur Rush Hour ist in Hongkong nicht der Rede wert. Während man sich in Mumbai zur Rush Hour schon mal alle Knochen brechen kann – keine Übertreibung -, kommt man in Hongkong im schlimmsten Fall nicht in die Bahn rein. Dafür dann aber in die nächste, denn es wird sich angestellt: Alles geordnet, immer schön der Reihe nach. Trotz – oder vielleicht sogar aufgrund der Historie Hongkongs – habe ich gedacht, hier läuft alles irgendwie anders ab, chinesischer eben.

Wie dem auch sei: Wer in Hongkong ist, erhält nicht unbedingt einen Einblick in den chinesischen Alltag, befindet sich dafür aber in einer internationalen Metropole – mit all den Vor- und Nachteilen, die das so mit sich bringt: Ich fühle mich jedenfalls von Anfang an in Hongkong wohl, mag den Vibe der Stadt, nichts wirkt besonders befremdlich: Würde ich nach Hongkong ziehen, ich bräuchte keine Woche, um mich an die Stadt zu gewöhnen. Klar, in Hongkong ist alles nochmal ein bisschen doller, als in London oder Barcelona, aber am Ende sind das auch nur Nuancen: Ebenso wie in westlichen Metropolen dreht sich in Hongkong viel um den Konsum, wobei hier natürlich nochmal andere Maßstäbe gesetzt werden. Und so ist es nur logisch, dass man mit der U-Bahn nicht selten direkt in einer der Mega-Malls rauskommt. Marken wie Chanel, Dior und Burberry braucht man in Hongkong übrigens auch nicht lange zu suchen, die haben hier nämlich nicht nur einen Flagship Store, sondern einen an gefühlt jeder dritten Ecke, zumindest auf Hongkong Island. 

Tja, was soll ich sagen, Hongkong ist ´ne coole Stadt, aber viel zu erzählen gibt es nicht: Man kann teuer und gut essen, man kann günstig und gut essen, man kann shoppen (vor allem Technik ist in Hongkong extrem günstig), an einen der Stadtstrände fahren und sogar wandern, denn die Stadt hat zahlreiche Wanderwege, die mitten durchs Grün führen…

…oder man verbringt einen ganzen Tag im Visa Application Center, so wie wir das gemacht haben:

Visum für China in Hongkong beantragen: Heiliger Bimbam!

Wolkenkratzer in Hongkong. © www.vayan.deEs ist noch gar nicht so lange her, da war es ohne Agentur nicht möglich, in Hongkong ein Visum für Festland-China zu beantragen. Das hat sich gerade geändert und dank eines absurd ausführlichen Blogbeitrags zum Thema, waren wir bestens vorbereitet: Alles, was wir brauchten hatten wir am Start, das Visa Application Center war auch nur 30 Gehminuten von unserem Hotel entfernt und wir auch direkt morgens vor Ort. Eigentlich hätte das ganze Prozedere keine zwei Stunden dauern sollen. Als wir das Visa Application Center morgens zum ersten Mal betreten, ist es 08:30 Uhr, gegen fünf Uhr nachmittags werden wir es zum letzten Mal verlassen.

Jetzt fragt man sich vielleicht, wie man es schafft, einen ganzen Tag dort zu verballern, obwohl doch angeblich alles ganz gut vorbereitet war. Nun ja, dafür gab es so einige Gründe:

Was man für den Antrag braucht: einen Reiseplan für den geplanten Aufenthalt, inklusive Hotelbuchungen, ein Rückflugticket (oder einen anderen Ausreisenachweis), Passbilder und den Reisepass. Das war es eigentlich. Am Abend zuvor haben wir uns einen halb garen Reiseplan, der auf dem Papier glaubwürdig aussieht, zusammengezimmert, die passenden Hotels (selbstverständlich mit Stornierungsmöglichkeit) und unseren Weiterflug nach Tokyo gebucht. Jetzt musste das ganze nur ausgedruckt werden. Kein Problem, dachte ich mir, machen wir direkt im Application Center, die haben ja schließlich Drucker und Kopierer. Das habe ich alles vorher recherchiert. Das Ding ist, ja, haben die, nur leider gibt es keine Möglichkeit, dort einen USB-Stick anzustecken. Auf einem USB-Stick ist aber nun mal unser ganzer Kram drauf. Also spurten wir in die Mall gegenüber. Eine freundliche Frau führt uns auch zum Copyshop, der macht aber erst in einer Stunde auf. Nun gut. Wir gehen ins Café nebenan und frühstücken erstmal.

Als der Copyshop dann endlich auf hat, drucken wir alles fix aus, spurten wieder rüber und stellen uns in die mittlerweile deutlich länger gewordene Schlange. Nach einer halben Stunde werden zu einem Schreibtisch geleitet. An ihm sitzt eine junge Chinesin mit Mundschutz. Wir geben ihr unsere Unterlagen. Sie ist mit meinem Passfoto unzufrieden, ich soll eines ohne Brille machen. Ich sage: Stand doch extra am Automaten, dass es mit Brille okay ist. Sagt sie: „Randlose Brille ist okay.“ 

Kein Ding, die Fotos im Automaten sind schnell gemacht, unterdessen wühlt sie sich weiter durch unsere Unterlagen. Ihr nächster Kritikpunkt: Unsere Hotelbuchungsbestätigungen sind auf Deutsch. Ja, sage ich, haben wir über eine Plattform gebucht, da war das voreingestellt. Sie möchte die Buchungsbestätigungen jedoch auf Chinesisch oder Englisch haben. Meinen Einwand, dass sich weder das Datum, noch der Name oder die Adresse des Hotels durch einen Ausdruck auf Englisch ändern werden, lässt sie nicht gelten. „You have to!“, sagt sie nüchtern. Na gut, denke ich mir, das lässt sich online sicherlich in einer halben Stunde erledigen. Ich bin noch immer frohen Mutes, wenn auch hart genervt. Und während ich gequält höflich lächle und „Sure. No Problem!“ sage, setzt sie zum Todesstoß an: „How do you leave Hongkong on Friday?“ „By bus.“, sage ich. Um ehrlich zu sein, wissen wir das auch noch nicht so genau: Die Züge sind online alle ausgebucht, für den Antrag haben wir einfach beschlossen zu sagen, dass wir immer mit dem Bus fahren, falls die Frage aufkommen sollte. Und das tat sie.

„Can you garantuee?“ Naja, sage ich, es fährt halt jede halbe Stunde ein Bus von Hongkong nach Guilin, also ja, kann ich. „Can you garantuee?“, sagt sie diesmal mit mehr Nachdruck in der Stimme. Ich setze an, um meine Rede von gerade eben einfach nochmal zu wiederholen. Folgerichtig unterbricht sie mich und sagt nur „No Ticket?“ Genau, sage ich, Bustickets kann man, so wie ich das verstanden habe auch nicht vorher buchen, das würden wir dann einen Tag vor Abreise machen oder am Abreisetag selbst. „Need Ticket.“, sagt sie regungslos und schiebt uns unsere Unterlagen über den Tisch. Was das war es jetzt? „Come back later with ticket and hotel booking.“

Ich bin mittlerweile kurz davor, der Frau das Gesicht abziehen. S sagt, ich soll mich zusammenreißen. Recht hat er, schließlich ist das unser erster Kontakt mit der chinesischen Bürokratie und damit auch mit der chinesischen Regierung: So wie die Dame im Visa Application Center auf ihre Kollegen und Kolleginnen aufpasst, werden diese ein Auge auf sie haben. Wer Abweichungen, Ungenauigkeit oder Gefälligkeiten zulässt, – nun ja, ich bin kein Experte -, aber ich denke, der hat mit Konsequenzen zu rechnen – und in China sind diese dann eben auch nicht nur arbeitsrechtlicher Natur.

Wir beschließen, erstmal zurück ins Hotel zu gehen, die Hotelbuchungen für unsere China-Reise nochmal auszudrucken und uns um das Ticket-Problem zu kümmern. An der Rezeption geben sie uns den Tipp, es einfach bei einer Reiseagentur zu versuchen, denn wenn es irgendwo noch Tickets für die ausgebuchten Züge gibt, dann dort. Das mit dem Busticket sollen wir uns aus dem Kopf schlagen, die lassen sich nicht online buchen und um jetzt zum Busbahnhof zu fahren, fehlt uns schlicht die Zeit. Also spurten wir zur Reiseagentur, schieben ordentlich Kohle über den Tisch und verlassen das Büro mit zwei Tickets nach Guilin.

Try your best!

Zurück im Visa Application Center: Die Schlange vor uns hat mittlerweile astronomische Dimensionen angenommen. Als wir endlich an der Reihe sind, werden wir an den Schreibtisch eines anderen Mitarbeiters zitiert. Mit geübtem Blick geht auch er in rasender Geschwindigkeit unsere Unterlagen durch, sagt immer wieder okay, stellt eine kurze Rückfrage, sagt okay, nickt, sagt okay, nickt, sagt wieder okay…bis er irgendwann nicht mehr okay sagt, sondern „Flight ticket? English please!“ Ja, ja, ich weiß, ihr wollt das auf Englisch haben, sage ich, aber das wird leider nix, weil ich das nicht über einen Account bei einem Anbieter gebucht habe, es also nirgends gespeichert ist, und es ohnehin nicht zum Ausdrucken gedacht ist, ist ja schließlich ein E-Ticket. „Try your best!“, sagt er emotionslos. Und während er galant den Stapel Papier über den Tisch schiebt, merke ich, wie sich Hass in meinem Körper breit macht. 

Einatmen. Ausatmen. „Ich denke, Sie haben nicht richtig verstanden. das ist ein Gott-Verdammtes-E-Ticket, … (ich wiederhole meine Rede). Wie zum Teufel soll ich das in English oder Chinesisch ausdrucken?“ 

„You can call airline.“, sagt er. „Please try your best. You have to.“ „Sag mal, Diggi, hast Du schon mal versucht, ´ne Airline zu erreichen?“ Vollkommen perplex und überfordert von meiner Frage schaut er mich nur überrascht an und sagt „Ja.“ Mit dieser Antwort auf meine passiv-aggressive Frage habe ich nun wiederum nicht gerechnet und muss lachen.

Zwei Meter entfernt steht ein chinesischer Mann, vermutlich so um die dreißig. Er kommt zu uns an den Schreibtisch und fragt in exzellentem Englisch, was denn das Problem sei. Das ist schnell erklärt und er fragt, warum wir nicht einfach die Airline anrufen. Ich muss wieder lachen: „Diggi, weil das ein hoffnungsloses Unterfangen ist.“ Heiliger Bimbam, was ist denn mit euch los, Leute, wieso denkt denn hier jeder, dass man mal eben bei einer Fluggesellschaft anrufen und fix was klären kann. Er zieht jedenfalls nur ungläubig die Augenbrauen hoch und fragt: „Welche Airline?“ „Air China.“, sage ich. „Ich rufe dort für euch an, wenn ihr wollt. Ist wahrscheinlich einfacher, wenn ich das auf Chinesisch kläre“ „Ja, klar gern!“, sagen wir…. 

…und ich denke, die nächste halbe Stunde am Telefon hat ihm dann ein ganz gutes Gefühl dafür vermittelt, was ich meinte als ich sagte: „Alter, hast Du schon mal versucht, bei einer Airline anzurufen?“. Es dauert keine zwei Minuten, da hat er die erste Mitarbeiterin am Telefon. Sie erklärt ihm, dass es sich bei unserem Ticket um ein E-Ticket handelt und daher nur die Buchungsnummer relevant ist. Sie kann da nichts in Englisch oder Chinesisch ausstellen. Was soll man dazu sagen? Sie hat halt auch einfach recht. Er sagt: „Verbinden Sie mich bitte mit Ihrem Vorgesetzten. Das sind doch schließlich Ihre Kunden und um deren Belange haben Sie sich zu kümmern.“ Dann hängt er wieder in der Warteschleife…

Ich hänge inzwischen schon seit einer Weile am Computer und versuche das Problem online zu lösen: Am Ende klappt es (ich habe keine Erinnerung mehr wie) und ich gebe unserem edlen Helfer das Zeichen, dass er gern auflegen kann. Viel länger hätte er in der Warteschleife auch gar nicht bleiben können, denn wenig später wurde seine Nummer aufgerufen, schließlich hat er als Hongkonger, der beruflich immer wieder nach Festland-China reist, selbst Visa-Angelegenheit zu klären.

Nun mit dem Flugticket auf „Englisch“ ausgerüstet, stellen wir uns nicht nochmal in der Schlange an, sondern gehen gleich zum Schreibtisch. Offensichtlich kein Problem für den Mitarbeiter, er winkt uns ran. Wieder werden unsere Unterlagen wild sortiert, Daten abgeglichen, es wird sortiert, sortiert und sortiert und schließlich sagt er „Okay.“ und „Here.“, während er uns einen Papierschnipsel, auf dem eine Nummer steht, rüberreicht. Wir sollen unsere Unterlagen nehmen und warten, bis wir aufgerufen werden… und auf einmal wird uns klar, dass ganze Prozedere war nur eine Vorbereitungsstufe, den eigentlichen Antrag werden wir erst in zwei Stunden am nächsten Schreibtisch einreichen…

Blick auf Hongkongs Skyline zum Sonnenuntergang. © www.vayan.de
Fisch mit Preisaufklebern auf einem Markt in Hongkong. www.vayan.de
Hongkong: Stadtstrand © www.vayan.de
Enten im Schaufenster eines Restaurants in Hongkong. © www.vayan.de
Sportplatz in Hongkong. © www.vayan.de
Hongkong: Fleischerinnung auf einem Markt in Kowloon. © www.vayan.de
Spiegelnde Fassaden der Hochhäuser in Hongkong. © www.vayan.de
previous arrow
next arrow
previous arrownext arrow
Slider

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.