Guilin, Kunming: Erstkontakt mit Mainland China

Guilin: Auch Staatsdiener stehen auf Selfies. © www.vayan.de

Guilin: Ein bisschen Jahrmarktstimmung geht immer

Richtig cool: Auch wenn’s am Anfang alles nicht so aussah und ein bisschen anstrengender als nötig war, nach vier Tagen können wir unser Visum für China in Hongkong abholen. Morgen geht’s dann nun also mit dem Schnellzug aufs Festland, weiter nach Guilin. 

Guilin ist in Südchina in der Provinz Guangxi gelegen. Wir entscheiden uns hauptsächlich hierher zu fahren, weil man die Stadt nach ein paar Stunden Fahrt von Hongkong aus erreichen kann. Was im Reiseführer über Guilin steht, klingt erstmal toll: Guilin soll eine malerische Stadt sein. Besonders bekannt ist sie für ihre spektakulären Kalkstein-Karsthügel, die die Umgebung der Stadt prägen und an denen entlang auch die Sehenswürdigkeiten errichtet wurden. Online schaue ich mir ein paar Bilder an: Sieht unfassbar super aus!

Als wir in Guilin am Bahnhof aussteigen und uns auf den Weg ins Hotel machen, wird uns erstmal klar, Guilin ist keine kleine Stadt, sondern eine Millionenmetropole. Mehr als fünf Millionen Menschen leben hier und die meisten davon sind irgendwie nicht zu sehen. Es ist früher Abend als wir ankommen aber die Stadt ist wie leer gefegt. Erst als wir uns der Altstadt nähern, sehen wir wieder Menschen auf der Straße. Das mag hauptsächlich daran liegen, dass das chinesische Neujahr vor der Tür steht und ganz China sich dann auf den Weg nach Hause macht – und zu Hause ist selten in der Stadt, sondern auf dem Dorf. 

Die Altstadt jedenfalls ist rappelvoll, auch das mag mit dem Neujahrsfest zusammenhängen, denn manche Chinesen nutzen die Woche, um Ferien mit der Familie zu machen. Ohnehin ist Guilin eine der Top-Touristen-Attraktionen Chinas, wobei es hier eher selten Langnasen, sondern vor allem chinesische Touristen hin verschlägt. Und sobald etwas für den chinesischen Tourismus ausgelegt ist, dann – das wird uns schnell klar – wird vieles zur Maskerade: Ethno-Kitsch und Klimbim an jeder Ecke, für Authentizität bleibt da wenig Platz. Ein Beispiel: Es gibt da diesen Plätzchen-Laden, eine Kette, wie sich herausstellen wird. Hier werden Backwaren gefüllt mit einer speziellen Blütenessenz, typisch für diese Gegend, verkauft. Vor dem Laden steht ein riesiger Trog. An ihm zwei junge Chinesen in bunten Trachten, die zu Techno-Rummel-Musik ihre Hüften hin und her wippen und mit einem großen Holzstab bewaffnet „den Teig kneten“. Krasser Folklore-Kitsch, vielen Chinesen gefällt’s. Ich hingegen muss manchmal einfach nur lachen, denn nicht selten sind die Tänzer entweder krass demotiviert, was nicht nur verständlich, sondern auch vergnüglich anzusehen ist, so manches Mal sind sie aber auch derart überambitioniert, dass die ganze Szenerie doch ziemlich pornografisch wirkt.

Insgesamt werden wir vier Tage in Guilin verbringen: Besonders viel zu erzählen gibt es nicht, denn die Sehenswürdigkeiten der Stadt sind alle eher so naja und die Hauptattraktion, die Kalkstein-Karsthügel können wir durch den dichten Nebel eher nur erahnen. Wahrscheinlich ist der Winter hier nicht gerade die populärste Reisezeit. Wir verbummeln die Tage mit diesem und jenem, gehen zum Beispiel mal in einen der Parks, die hier „scenic areas“ heißen. Eine „scenic area“ oder ein „scenic spot“ kann in China im Übrigen so ziemlich alles sein: ein See, ein Park, eine andere beliebige Landschaftsform oder auch eine künstlich angelegte Szenerie (beispielsweise eine Hollywoodschaukel auf einem riesigen Blumenbeet), also alles, was sich gut auf einem Foto macht und sobald ein Schild mit der Aufschrift „scenic area“ irgendwo auftaucht, ist das Häuschen, an dem man Eintritt zahlen muss, nicht weit.

Der Park, in den wir in Guilin gehen, ist hübsch, Europäer werden hier aber kaum vor Bewunderung umfallen. Nichtsdestotrotz haben wir hier einen wirklich schönen Tag und werden direkt schon am Eingang angesprochen, ob man ein Foto mit uns machen könnte. „Ja, klar. Das geht.“, sagen wir und ein Augenzwinkern später hat S ein dickes chinesisches Baby, dessen Gesichtsausdruck verrät, dass es keine Ahnung hat, wie ihm gerade geschieht, auf dem Arm und wir lassen uns unzählige Male ablichten – im Hochformat, im Querformat, noch ein paar weitere Bilder…zur Sicherheit, man weiß ja nie. Die Eltern bedanken sich überschwänglich, wir geben das schwere Kind zurück und Oma drückt uns zum Abschied noch ein paar Mandarinen in die Hand und streichelt mir die Wange.

Kunming: Chillo China

Als wir in Kunming in der Provinz Yunnan ankommen, brauchen wir erstmal eine halbe Ewigkeit, um unser Guesthouse zu finden. Bei Google Maps ist es, wie das meistens so ist, falsch eingetragen, sodass wir nur noch dort anrufen können. Wie sich herausstellt, spricht unsere Gastgeberin exakt drei Worte Englisch, sodass mein Anruf eigentlich nur mehr Verwirrung stiftet als dass er hilft. Das hindert sie jedoch nicht daran, mich anschließend aller drei Minuten anzurufen, damit wir uns gegenseitig immer wieder das gleiche am Telefon erzählen, bis wir uns schließlich nur noch anschweigen und ich irgendwann auflege. Hier, wo wir gerade stehen, befinden wir uns mitten in einer dieser gigantischen chinesischen Wohnbausiedlungen, als ich unsere Gastgeberin zum fünften Mal am Ohr habe, entdecke ich gerade ein kleines Polizeihäuschen und drücke einem der Beamten das Telefon ans Ohr. Der erste traut sich erst gar nicht und reicht das Handy – wie ich vermute – seinem Vorgesetzten weiter. Der quatscht gleich auf Chinesisch los und erklärt der Dame wo wir sind. Wir sollen uns nicht vom Fleck bewegen, sie holt uns ab, gibt uns der Beamte mit ausladenden Gesten zu verstehen. Er und seine Kollegen sind sichtlich stolz, dass sie den Waiguoren, also den Ausländern, haben weiterhelfen können. Hier in dieses riesige Wohnviertel, verirren sich sonst wohl auch kaum westliche Reisende hin. Warum auch? Es steht Wolkenkratzer neben Wolkenkratzer, eine klassische chinesische Wohnsiedlung der Moderne, die sich über unzählige Quadratkilometer erstreckt. Inmitten dieses Betondschungels werden wir die nächsten Tage wohnen. Unsere Gastgeberin kommt mit dem Taxi angebraust, sackt uns ein und einen Kilometer später spuckt uns der Wagen schon wieder aus.

Kunming selbst ist keine besonders schöne Stadt, aber durchaus eine besonders entspannte. Die meisten Reisenden kommen nur nach Kunming, um einen Tagesausflug zum sogenannten Steinwald zu machen. Wir bleibend direkt ein paar Tage, vertrödeln viel Zeit damit, uns mit dem öffentlichen Nahverkehr fortzubewegen, beobachten die Einheimischen dabei, wie sie im Park Tai Chi machen, Karaoke singen, musizieren, tanzen oder mit einem riesigen Wasserpinsel bewaffnet, chinesische Schriftzeichen auf den Beton kalligrafieren. Den berühmten Steinwald, der nichts anderes als ein Wunder der Natur sein soll, werden wir leider nicht sehen, weil wir Peilos sind und uns zwar morgens um sechs auf den Weg zum Busbahnhof machen, dort aber feststellen müssen, dass wir unsere Reisepässe vergessen haben – und ohne Pass kein Ticket. So ist das in China. Um nochmal zurück zu fahren und die Pässe zu holen, ist wie immer die Zeit zu knapp und wir entscheiden uns, zum Dian-See zu fahren. Der liegt im Süden Kunmings, gar nicht so weit von unserem Guesthouse entfernt. Der See soll das Naherholungsziel gestresster Städter sein, wunderschön, kleine Dörfer drumherum. Das klingt doch gut, denken wir. Der Lonely Planet schreibt, irgendwann soll auch die U-Bahn direkt bis zum See fahren. Momentan wird die jedenfalls noch immer gebaut, aber wir machen uns mit dem Bus auf den Weg zur See-U-Bahn-Haltestelle der Zukunft. Dort ausgestiegen wird es eine ganze Weile dauern, ehe wir den See überhaupt zu Gesicht bekommen, denn überall werden riesigen Wohnsiedlungen errichtet, alles abgesperrt. Irgendwann finden wir einen kleinen Weg durch ein kurzes Stück Grün, nur um wieder festzustellen, dass man von hier zwar den See sehen, aber noch immer nicht erreichen kann, mehrere Fischzuchtbecken versperren den Weg. An den See ist jedenfalls kein Rankommen und irgendwann brechen wir das Vorhaben einfach ab, weil wir etwas genervt sind und uns auch beginnen zu fragen, was wir dort eigentlich so genau wollen. 

Es werden vier schöne, sehr entspannte, unaufgeregt Tage in Kunming, die wir zwar hauptsächlich in öffentlichen Verkehrsmitteln verbringen, die uns aber dennoch gut gefallen, vor allem weil die Menschen hier so sweet und gechillt sind. Das China so sein kann, hätte ja auch niemand gedacht…

Zentraler Platz nahe der Altstadt von Guilin. © www.vayan.de
In Guilin stehen sich zwei Pagoden gegenüber: Die Pagode der Sonne und die Pagode des Mondes. © www.vayan.de
Guilin: Auch Staatsdiener stehen auf Selfies. © www.vayan.de
Guilin ist besonders bekannt für die Karststeinformationen, die die Landschaft hier prägen, bekannt. © www.vayan.de
Zuckerrohrhändler in Kunming. © www.vayan.de
Wohnsiedlung mit unzähligen Hochhäusern in Kunming. © www.vayan.de
Kunming: Versteckter Weg zum Dian-See. © www.vayan.de
Dian-See in Kunming. © www.vayan.de
Park "Grüner See" in Kunming. © www.vayan.de
Kunming, Park "Grüner See": Kalligraphie-Übungen mit dem Wasserpinsel. © www.vayan.de
Kunming: Fotos mit den Langnasen im Park "Grüner See" machen. © www.vayan.de
previous arrow
next arrow
previous arrownext arrow
Slider

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.