Delhi – eine Stadt, die versucht, ihre Besucher zu brechen

Statue im Nationalmuseum Delhi.

Von Teheran geht es schließlich im Flieger Delhi mit einem kurzen Zwischenstopp in Dubai. Für mich ist das mit Indien so eine Sache: Während viele Reisende India’s calling hören, stehe ich dem Land eher neutral gegenüber. Indien ist sicherlich sehr spannend, sehr schön und sehr faszinierend, aber Indien ist gewiss auch anstrengend, zermürbend und häßlich. 

Der Flieger setzt kaum zur Landung an, schon herrscht drinnen ein riesiges Gewusel. Unsere indischen Mitreisenden wollen schnellstmöglich den Flieger verlassen. So geht es auch dem Mann, der neben uns sitzt: Das Flugzeug trottet noch immer langsam über die Rollbahn, doch er kann es kaum erwarten, also stehen wir auf und lassen ihn durch, damit er sich ebenfalls in den schmalen Gang drängen kann. Und während ich so halb im Gang stehe, drückt sich ein junger Mann an meinem Rücken vorbei – ganz zufällig mit seiner Hand an meinem Po. „Hey, don’t you touch me dude!“, rufe ich ihm laut hinterher. Es ist ihm sichtlich peinlich. Als wir den Flieger verlassen, ist es 5:00 Uhr morgens, sichtlich übermüdet hinterlässt diese Begegnung einen deutlichen Eindruck bei mir. 

Insgesamt wollen wir vier Tage in Delhi bleiben, erstmal in Ruhe ankommen, S will sich ein neues Objektiv für seine Kamera besorgen, wir müssen uns organisieren, ein Paket nach Deutschland senden und die eine oder andere Sehenswürdigkeit wollen wir uns auch ansehen. Nur eines dieser Vorhaben werden wir den kommenden Tagen realisieren: Noch bevor bevor wir in Delhi angekommen, war uns längst klar, dass eine indische Minute deutlich mehr Zähleinheiten hat, als eine europäische. Stellt sich heraus: Das müssen so ungefähr neun Fantastillionen mehr sein. Vier geschlagene Tage werden wir brauchen, das gottverdammte Kameraobjektiv zu besorgen.

Delhi, für uns wirst du immer Sony sein

Dabei schien alles so einfach: Wie schwer kann es schon sein, in der Hauptstadt des IT-Boom-Wunderlandes Indien ein Kameraobjektiv zu besorgen? Das Objektiv, das S will, ist kein ausgefallenes – aber kostspielig ist es wohl. Also machen wir uns gleich am ersten Tag auf die Socken. Noch haben wir keine indische SIM-Card, sodass wir im Hostel online schnell schauen, wo der nächste Sony-Store ist. „Boah, geil. Schaum mal! Hier, nur eine Stunde durch den Park und schon sind wir da.“ Am Ende des Parks angekommen wird herausstellen, den Store gibt es nicht. 

Neuer Tag, neuer Versuch: Wir fahren in eine der riesigen Malls Delhis. Hier soll es Technik-Stores geben. Wir informieren uns, Kameraausrüstung – auch von Sony -, alles am Start. Wir scheitern. Objektive gibt es hier nicht zu kaufen.

Kluges Delhi – Tricks und Scams 

Neuer Tag, neuer Versuch: Jeder, der schon einmal einen Fuß in eine große indische Stadt gesetzt hat, weiß: Hier wird getrickst, wo es nur geht. Das fängt bei absurd astronomischen Tuk-Tuk-Preisen an und hört bei echten Betrügereien auf.

Nun, da wir wissen, wo der Sony-Mainstore ist, setzen wir uns in die U-Bahn. Der Plan: Schnell das Objektiv besorgen und dann schauen wir mal, was sonst so noch in Delhi geht.

Kurz bevor den Sony-Store erreichen, wird S von einem Mann mittleren Alters angesprochen: Wo wir herkommen, ob wir das erste Mal in Indien sind, was wir planen, vom Land zu sehen und all solche Sachen. Wir sind noch viel zu sehr im Iran-Modus und lassen uns zuquatschen.

Im Iran wären das alles aufrichtig und ernst gemeinte Fragen gewesen, in den indischen Großstädten dienen sie nahezu ausschließlich der Geschäftsanbahnung. Bevor wir ihn vor dem Store endlich verlassen, gibt er uns noch den Tipp mit auf den Weg: Wenn ihr durch Indien reist, dann macht das am besten mit dem Zug. Das ist günstig und verhältnismäßig komfortabel. Aber, ihr müsst aufpassen, sagt er, die Züge sind alle schnell ausgebucht, am besten informiert ihr euch im offiziellen Tourismusbüro. Das ist hier auch ganz in der Nähe. Ein weiteres Achtung folgt: Es gäbe so viele private Anbieter, die versuchen, die Touristen abzuzocken, wir sollen drauf achten, dass wir wirklich beim offiziellen Büro landen. Zwei Elefanten-Statuen seien vor der Tür, das erkennt man dann schon. Wir sagen danke und betreten nun endlich den Sony-Store, der deutlich kleiner ist, als gedacht. Das Objektiv haben sie nicht, aber bestellen können sie es. Morgen soll es da sein. Perfekt, denken wir, es ist noch nicht mal Mittags, wir haben noch den ganzen Tag vor uns. Als wir den Laden verlassen, dauert es keine drei Minuten, bis S wieder von einem Herren angesprochen wird: Wie gefällt euch Indien, erstes Mal hier? Und Obacht, Freunde!: Wenn ihr mit dem Zug reisen wollt, was ich euch empfehle, dann müsste ihr rechtzeitig buchen. Ganz in der Nähe ist übrigens das offizielle Tourismusbüro. Das hat zwei Elefanten-Stauen davor stehen, könnt ihr gar nicht verfehlen. Da wir keinen Bock auf das Gespräch haben, verabschieden wir uns höflich und flüchten wir uns auf einen Kaffee in den Starbucks, vor dem wir gerade zufällig stehen. Kaum setzen wir uns, spricht uns ein junger Mann an: Hey, was macht ihr, erstes Mal in Indien und Mensch, wenn ihr mit dem Zug reist, dann müsst ihr echt aufpassen, weil die meistens ausgebucht sind. Am besten informiert ihr euch gleich im offiziellen Tourismusbüro. Das ist übrigens ganz in der Nähe, zwei Elefanten davor. Ja danke, wissen wir, doch er hört nicht auf zu reden. Eine Stunde wird er mit uns über das Reisen – insbesondere mit dem Zug – in Indien reden. Wow, das Thema Transport scheint ihm ja wirklich am Herzen zu liegen…doch wir sind noch immer nicht misstrauisch. Komisch wird es erst, als wir gehen und er uns anbietet, uns zum offiziellen Tourismusbüro zu bringen. Wir sagen, nein danke, finden wir auch so. Denkt an die beiden Elefanten vor der Tür, ruft er uns hinterher.

Wir sind nach diesen drei Gesprächen schon mächtig weichgespült und beschließen, was essen zu gehen. Wir gehen in ein kleines Restaurant um die Ecke, das trotz, das es inmitten des Zentrums gelegen ist, richtig günstig ist. Außer uns sind nur Inder hier. Eine gute Wahl. Wir essen zwei hervorragende Thali für wenig Geld und verlassen den Laden gestärkt. Draußen setzen wir uns noch kurz in die Sonne und trinken unsere Colas aus. Jemand spricht uns an: Hey, was macht ihr hier? Erstes Mal Indien? Bleibt ihr nur in Delhi oder wollt ihr noch woanders hin? Wenn ihr reist, dann macht das vor allem mit dem Zug. Am besten geht ihr gleich zum offiziellen Tourismusbüro. Das erkennt ihr leicht, hat zwei Elefanten-Statuen vor der Tür. Nachdem wir uns mit ihm und seinem Freund auch über viele andere Sachen unterhalten haben, ziehen wir uns aus dem Gespräch und beschließen, wir gehen jetzt mal zum Tourismusbüro und informieren uns ein bisschen. Was wir genau in Indien machen wollen, wissen wir auch nach den ersten Tagen in Delhi noch nicht. Wir haben den vagen Plan nach Varanasi zu reisen und wollen gleich mal auschecken, ob da überhaupt noch ein Zug zu ergattern ist. 

Wir finden das Büro, wie beschrieben, stehen hier die beiden Statuen vor der Tür, wir werden nett empfangen, erzählen, warum wir hier sind und das wir das Zugthema mal angehen wollen. Alles kein Problem, wir werden an einen schmucklosen Tisch gesetzt und der junge Servicemitarbeiter stellt gleich fest: Die Züge von Delhi nach Varanasi sind alle für die kommende Woche komplett ausgebucht. Schnell dreht er auch seinen Bildschirm um, damit wir das mit unseren eigenen Augen sehen. Ich nenne irgendeine andere Stadt. Aber auch hier: Leider alles ausgebucht.

Am Ende wir werden wir nahezu drei Stunden an diesem Schreibtisch sitzen, denn es gibt sowas wie den India-Railpass, mit dem man unkompliziert durchs Land reisen kann, sagt er. Und da wir keine Ahnung haben, wohin wir überhaupt wollen, übernimmt er auch die Planung für uns. Nach einiger Zeit beginnen wir uns allerdings zu fragen, ob die ganze Geschichte hier nicht ein bisschen stinkt. Ich werde zum ersten Mal argwöhnisch, als man mir einen Chai zum Trinken anbietet. Das würde einem bei der Deutschen Bahn nie passieren und ich halte das auch in den offiziellen Einrichtungen und Behörden Indiens für ausgeschlossen. Leider haben wir noch immer keine indische SIM-Card und damit auch kein Internet auf dem Handy, um die Informationen, die er uns gibt, zu überprüfen. Während wir also an unserem Chai nippen, wird auf der anderen Seite des Schreibtisches weiter fleißig geplant und uns am Ende offenbart, dass das mit den Zügen alles klappt, wenn wir eine bestimmte Route nehmen. Klingt super unflexibel, finden wir, aber nun gut, was soll man machen: Ich hatte schon vor unserer Reise oft gelesen, dass die Züge in Indien meistens ausgebucht sind, nur so richtig geglaubt hatte ich es nicht.

Unterdessen wird wieder der Bildschirm umgedreht: Ein tolles Hotel mit großem Pool ist darauf zu sehen. Da werdet ihr zum Beispiel dann in Jaiselmer schlafen, sagt er. Wir sagen: Sieht ja super aus, aber Unterkünfte brauchen wir nicht. Die suchen wir uns gern selbst. Nur die Zugtickets bräuchten wir. Ha, sagt er, das ist leider nicht möglich, denn den India-Railpass gibt es nur, wenn man auch gleich die Unterkunft dazu buchen würde. Uns kommt das alles reichlich komisch vor und dieses Durchorganisierte entspricht leider auch gar nicht unser Art zu reisen. Wir zögern. Als er dann aber auch noch einen für indische Verhältnisse astronomischen Preis nennt, sind auch unsere letzten Zweifel verflogen… niemals sollten wir hier irgendwas buchen.

So nervenaufreibend, anstrengend und gleichermaßen langweilig dieser Tag auch war, müssen wir uns doch eingestehen, dass dieser Scam derartig gut orchestriert war, dass man ihn schon bewundern muss: Überall im Viertel unterschiedliche Leute zu positionieren, die alle das gleiche erzählen und das auf so natürliche und unverfängliche Weise, ist schon ein wahrhaftes Meisterwerk. Delhi, du gehst uns gebührend auf den Sack, aber wir ziehen unseren Hut vor dir!

Mittlerweile ist es nachmittags um vier. Schlußendlich schaffen wir es gerade noch so, dem Nationalmuseum einen kurzen Besuch abzustatten und laufen ganz zufällig am India-Gate vorbei. Aus zwei Hundert Metern Entfernung ist es aber nur verschwommen zu sehen, so versmogt ist die Stadt. Während Delhi ohnehin als eine der Smog-Metropolen schlechthin gilt, ist es zur Zeit besonders schlimm: Seit einer Weile brennt hier eine der riesigen Mülldeponien unkontrolliert ab. giftige Gase legen sich über die Stadt. So schlecht war die Luft zuletzt vor vier Jahren – und Divali, das Festival der Lichter, steht vor der Tür. Dann werden wieder Millionen Feuerkörper in den Himmel geschossen, der Rauch steht auf der Straße, in den Häusern, kriecht in alle Ritzen. Tagelang wir man kaum die eigene Hand vor Augen sehen können. Wer kann, verlässt Delhi für diese Zeit – und so tun es auch wir. 

Delhi zeigt ein Lächeln

Am letzten Tag halten wir nun tatsächlich das neue Objektiv in den Händen und machen uns auf den Weg mit dem Zug nach Jaiselmer in den Westen des Landes. Das Ticket dafür haben wir dann ganz einfach im Hostel gebucht. Leider werden wir unseren Zug Delhi verpassen, weil wir am falschen Bahnhof sind. Die New Delhi und die Old Delhi Station sind zwar sehr nah beieinander, doch so kurz die Strecke auch sein mag, in dem Gewusel, ist das unter einer Dreiviertelstunde kaum zu bewältigen. Zwei junge Inder sprechen uns an und erklären schnell, dass es nun unsere einzige Möglichkeit ist, schnell über den Bahnhof zu rennen (ein Vorhaben, das vollkommen unmöglich ist, denn der Bahnhof Delhis ist nichts anderes als der Vorhof zu Hölle), ins nächste Tuk-Tuk zu springen und dem Zug zur nächsten Station hinterher zu rasen. 

Wir hatten uns eigentlich geschworen, solche Situationen zu vermeiden: Das Internet ist voller Geschichten von Reisenden, für die das nicht gut ausgegangen ist. Im Ohr ist mir noch immer die Erzählung meiner ehemaligen Kollegin J.. Als sie durch Indien reiste, kam ein uniformierter Mann am Bahnhof auf sie zu und sagte ihr, dass der Zug ausfällt, alle müssten nun mit dem Bus fahren. Irgendwann wurde allen in dem Kleinbus etwas mulmig zumute: Stellte sich heraus, weder der Zug war ausgefallen, noch saßen sie im Schienenersatzverkehr. Ausgesetzt wurden sie irgendwo im Nirgendwo. Wer dort weg wollte, musste ordentlich bezahlen. Solche Vorfälle, oder besser gesagt, Betrügereien, sind keine Seltenheit – und wenn’s am Ende nur ums Geld geht, kann man sagen, das man noch glimpflich davon gekommen ist…

Einmal mit dem Augen gezwinkert, haben wir all unsere guten Vorsätze vergessen und tuckern mit dem Tuk-Tuk dem Zug hinterher. Am Ende kommen wir tatsächlich an der nächsten Station an. Erleichtert und glücklich, bedanken wir uns überschwänglich beim Fahrer. Einziger Wermutstropfen: Wir sind vierzig Minuten zu spät. Dank einer App wissen wir, dass der Zug pünktlich am Hauptbahnhof Delhi losgefahren ist, wir rechnen uns kaum Chancen aus, dass wir heute noch in Richtung Jaiselmer aufbrechen. Wir scheißen drauf und jetzt, wo schon einmal hier sind, gehen wir pro forma dennoch zum Gleis und – siehe da -, drei Sekunden später kommt der Zug. Wir hechten schnell rein, selbstverständlich ins falsche Abteil, denn viel Zeit bleibt uns nicht, der Zug hält nur zwei Minuten – und Züge, die Delhi verlassen, sind irrsinnig lang. Die nächste Stunde werden wir damit verbringen, bei jedem Halt kurz rauszuspringen und mit unseren riesigen Rucksäcken über den Bahnsteig zu jurten, um zu unserem Wagon zu gelangen. Jeder Wagon ist getrennt vom anderen, durch den Zug gehen ist damit ausgeschlossen.

Als wir endlich Wagon B2 erreichen, sind unsere Shirts durchgeschwitzt und wir sehr glücklich – darüber, das uns die boys am Bahnhof geholfen haben, das uns der Tuk-Tuk-Fahrer nicht irgendwo im Dreck vor den Toren der Stadt ausgesetzt hat und dass wir unsere Vorsätze haben fahren lassen… 

Delhi, so erzählt man uns, hat schon viele bezwungen: Nicht wenige Indien-Reisende machen hier unzählige schlechte Erfahrungen und fliegen sofort wieder zurück in die Heimat oder weiter in ein anderes Land. Wir sind froh, dass uns die Stadt nicht bezwungen hat: Wir sind mittlerweile nahezu drei Wochen in Indien und auch wenn der Start etwas holprig war, stellt sich wie vermutet heraus: Indien ist wahnsinnig häßlich und Indien wahnsinnig schön.

Das India Gate verschwindet im Smog Delhis.
Statue im Nationalmuseum Delhi.
Von oben betrachtet, ist Delhi überraschend grün.
Köstliches, einfaches Tahli in Delhi.
Im Zug von Delhi nach Jaisalmer.
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