Dali, Lijiang: Unterwegs im Disneyland Chinas

Shop in Dali. © www.vayan.de

Dali und Lijiang sind zwei verhältnismäßig kleine Städte in der Provinz Yunnan. Als wir uns von Kunming auf den Weg nach Dali machen, ist es zwei Tage vor dem chinesischen Neujahrsfest. Ausnahmslos alle Reiseführer und Reiseblogs raten davon ab, zu dieser Zeit nach China zu reisen. Glaubt man dem, was so im Internet steht, grenzt es an unermessliches Glück, dass wir trotz der bevorstehenden Neujahrswoche noch Zugtickets kaufen konnten. Ich würde eher sagen, es wird nicht alles so heiß gegessen wie es gekocht wird, wobei es schon so ist, dass auf manchen Strecken alle Züge ausverkauft sind. Auch die angekündigte Preisexplosion über Neujahr in China ist in Wahrheit gar nicht mal so explosiv, zumindest nicht für westliche Reisende. Auch über Chinesisch Neujahr kann man sich noch immer ein Doppelzimmer leisten, ohne dabei vollkommen zu verarmen.In Dali angekommen, beziehen wir also unser schickes Doppelzimmer, das jetzt doppelt soviel als sonst kostet, sich aber dennoch gut bezahlen lässt.

Was im Lonely Planet über Dali steht: Eine bezaubernde Stadt, in der Yunnan-Reisende gern mal ein paar Wochen bleiben, denn eine bessere Backpacker-Oase könnte es kaum geben. Für ein paar Wochen? Wir wissen bereits nach der ersten halben Stunde in der Stadt, dass uns das ganz gewiss nicht passieren wird, denn auch wenn Dali mit seiner hübschen Altstadt, dem großen Er Hai-See davor und den schneebedeckten Berggipfeln dahinter sehr beschaulich sein mag, cool ist es hier nun wirklich nicht.

In Dali sind gerade tausende, vielleicht auch Hunderttausende, auf alle Fälle unheimliche viele, Touristen unterwegs. Was in China eigentlich immer heißt: chinesische Touristen, westliche Reisende treffen wir eher selten. Und ja klar, Chinesisch Neujahr ist eine Ausnahmesituation, doch selbst wenn ich die Touristenmassen raus rechne, wüsste ich nicht, was mir in Dali gefallen sollte: die Altstadt ist voller kleiner Shops. Ausstaffiert werden sie mit irgendwelchem Ethno-Klimbim. Was auf der einen Seite Sinn macht, schließlich gehören nahezu 40 Prozent der Einwohner Yunnans ethnischen Minderheiten an. Keine andere Provinz Chinas kann mit einer derartigen ethnischen Diversität aufwarten. Auf der anderen Seite hat der ganze Klimbim, der in den Shops von Dali verkauft wird, herzlich wenig mit diesen Minderheiten zu tun. Doch chinesische Touristen stört das nicht. Wir sagen: Naja, das ist halt ein chinesisches Disneyland. Sie sagen: Ist doch schön hier! 

Aber die schöne Natur drumherum!, mag jetzt vielleicht einer denken, aber selbst das Cangshan-Gebirge, das majestätisch am Stadtrand thront, wurde derartig gezähmt, dass westliche Touristen hier eher wenig Freude haben werden: Man kann den Cangshan per pedes erklimmen oder einfach mit der Seilbahn. Wir entscheiden uns für die Seilbahn, denn das Gebirge ist schließlich irgendwas um die 4000 Meter hoch. Doch so weit werden wir nicht kommen, denn trotz zweier Anläufe schaffen wir es mit der Seilbahn nur bis zur Mitte des Berges: Beim ersten Anlauf waren zu viele Leute auf dem Gipfel, am nächsten Tag der Wind zu heftig, beide Fälle führen zur Sperrung der Seilbahn. Egal, denken wir, fahren wir eben bis zur Hälfte. Als wir dort aussteigen geht’s direkt von einem Aussichtsplateau auf eine Metalltreppe, der man ein paar hundert Stufen steil nach unten folgen kann, wenn man denn will. Wir wollen. Weiter unten auf einem Plateau angekommen, führen nun betonierte Wege durch die Natur, links und rechts Abgrenzungen, mal sind es Geländer, mal ist es schlichtweg der steile Abgrund. Wer sich das Wandern in China wie in Europa vorstellt, wird zumeist enttäuscht, denn man erzählt uns, dass das chinesischer Standard ist: die Wege vorgegeben, die Natur domestiziert. Metalltreppe und Betonweg hin oder her: Ich muss dennoch sagen, die Berge sind beeindruckend, die Natur wunderschön, nur das Gesamterlebnis eher nicht so. Ich nehme an, dass das auf dem Gipfel kaum anders sein dürfte.

Chinesisch Neujahr in Dali: Bis Mitternacht snacken und dann ballern

Gleiches gilt im Grunde für den Er Hai-See, der sich auf der anderen Seite der Stadt befindet: Wer ihn umrunden will, der muss 120 Kilometer zurücklegen. Mit den Elektro-Scootern, die man sich in Dali ausleihen kann, schafft man das nicht. Doch auch auf der Dali zugewandten Uferseite gibt es zahlreiche kleine Dörfer, durch die man sich durchschlängeln kann. Klingt am Ende aber auch pittoresker als es in Wahrheit ist, denn auch hier sind wurden unzählige Hotels gebaut und sind Unmengen von Touristen unterwegs, nicht selten stehen wir an der Uferstraße im Stau, denn insbesondere vor den hiesigen Foto-Ops stoppt der Verkehr. Wie man sich eine solche Foto-Op vorstellen muss, die massenhaft Chinesen anzieht? Sie sind künstlich angelegt und können ganz unterschiedlich aussehen: Mal wird eine Sitzbank mit Tisch und Blumendekor vor dem See drapiert, mal ein bepflanztes Blumenbeet mit Hollywoodschaukel angelegt, mal erzeugen vier verspiegelte Pressspanplatten die Illusion eines verspiegelten Raumes und von Unendlichkeit. Gemein ist ihnen allen: Wer sich hier fotografieren möchte, der zahlt. Wer dazu noch ein Ethno-Kleid anziehen möchte, kann das ebenfalls tun und am Stand nebenan ausleihen – gegen eine ordentliche Gebühr, versteht sich. Und sollte noch jemandem die passende Idee fürs Posen fehlen, den informieren die auf Plakaten abgedruckten Fotos nahezu vollumfänglich. Auch wenn das alles nicht ganz so unser Ding ist, ist es natürlich trotzdem ganz lustig anzusehen, interessant ist es allemal und so haben wir haben einen schönen Tag am See. Das wiederum liegt aber vor allem daran, dass wir ein Gefährt unterm Hintern und Sonne im Rücken haben.

Chinesisch Neujahr verbringen wir übrigens im Hotel, denn das junge Pärchen, das das Hotel führt, macht für alle Gäste Hot Pot. Es wird ein schöner, wenn auch unaufgeregter Abend. Um Mitternacht wird dann schließlich die Stadt mit tausenden Blitzknallern abgefackelt, da liegen wir aber schon längst im Bett. Während unserer vier Tage in Dali müssen wir dann auch für eine Nacht in den Dorm umziehen, weil das Hotel voll ausgebucht ist und wir eigentlich nie mehr als zwei Nächte im Voraus buchen. Wir haben einen jungen chinesischen Mitbewohner, dem wir nur einmal kurz über den Weg laufen und „Hallo“ sagen. Als wir abends im Zimmer sind, kommt die Rezeptionistin vorbei, klettert auf sein Bett, packt ein bisschen Obst auf einen Teller und reicht es mir: „Das soll ich euch von ihm als Geschenk geben.“, rattert es blechern aus ihrem Übersetzungsgerät. Ein junger, cooler Typ, so Anfang 20 lässt uns Obst als kleine Aufmerksamkeit überreichen? Wie niedlich ist das denn bitte!

Lijiang – ein Ort, der in Deutschland Wernigerode oder Garmisch Partenkirchen heißen würde

Alles, was ich von Dali erzählt habe gilt im Grunde auch für das rund 200 Kilometer entfernte Lijiang, nur, dass Lijiang mehr als nur seine Altstadt ist. Das wäre Dali eigentlich auch, doch das neue Dali befindet sich einige Kilometer von der Altstadt entfernt und wird als eigene Stadt angesehen. In Lijiang ist es ganz klassisch: Im Zentrum die Altstadt, drumherum grauer, moderner Einheitsbrei. Die Altstadt Lijiangs ist recht hübsch, aber auch hier gilt: Flächen, die nicht mit Hotels, Bäckereien, Restaurants, Teeläden oder Fleischspieße-Shops besetzt sind, in denen wird der ganze Ethno-Klimbim verkauft. 

Die Minderheit, die die Region Lijiangs maßgeblich prägt, heißt Naxi. Zu der Volksgruppe der Naxi in Yunnan wird auch oft die Minderheit der Mosuo gezählt, ein tibetisch-birmesischer Volksstamm, deren Gesellschaftsform matriarchal geprägt ist. Das heißt in diesem konkreten Fall, dass die Männer die Frauen des Nächtens besuchen, tagsüber aber wieder ins Haus der eigenen Mutter zurückkehren. Gehen aus dieser Verbindung Kinder hervor, gehören sie einzig und allein der Mutter, der Vater ist jedoch verpflichtet, für den Unterhalt des Kindes aufzukommen. Zerbricht die Beziehung ist er von dieser Pflicht befreit. In den Reiseführern, egal ob im Lonely Planet oder anderswo, klingt das immer so, als wäre diese Gesellschaftsform so außergewöhnlich und irgendwie gut:

Klar, mag das für viele Frauen toll sein, dass der Typ ihnen nicht den ganzen Tag am Arsch hängt, dafür werden sie halt ihre Söhne niemals los, egal wie alt sie sind. Und dass der Vater mit dem Beziehungsende von der Unterhaltspflicht befreit ist, klingt für mich auch nicht nach einem großen emanzipativen Befreiungsschlag: Erziehungsarbeit und die Versorgung der Familie, liegen dann nämlich ganz allein in den Händen der Frau. Aber gut, mit solchen Ausführungen verkauft man eben keine Reise und schon gar keine Ausflugstouren und darum geht es ja meistens.

Und wo ich gerade bei Ausflügen bin: Bin wer nach Lijiang reist, der sollte sich auch einen Ausflug in die kleinen Dörfer Baixa und Shuhe nicht entgehen lassen, so steht es zumindest in nahezu jedem Reiseführer und auch im Lonely Planet. Nachdem wir da waren, kann ich nur sagen: Doch kann man sich sogar richtig gut entgehen lassen, zumindest wenn man ans Reisen ebensolche Ansprüche hat wie wir sie haben. Wer gern durch hübsche Gässchen von einem Souvenir-Shop zum anderen läuft und Dinge sagt wie „Ach Gottchen, schau mal, das ist ja toll!“, der wird sich in Baixa und Shuhe schon eher wohlfühlen. Als wir dort unterwegs sind, denke ich nicht zum ersten Mal: Eigentlich kann man den Lonely Planet wirklich in die Tonne kloppen.

Von Lijiang in die Tigersprungschlucht: Alter, ist das schön hier!

Was man sich in Lijiang jedoch nun wirklich nicht entgehen lassen sollte, ist eine zweitägige Wanderung in der Tigersprungschlucht: Diese Wanderung ist so unfassbar schön, ich denke, eine solche Schönheit sieht man selten. Nun gut, dazu muss man sagen, ich bin kein Experte, eigentlich war ich noch nie wandern. Das, was wir das eine Mal in der Sächsischen Schweiz gemacht haben, muss man eher als Spazierengehen bezeichnen. Vor der Wanderung habe mich ein bisschen informiert: Die Wanderung soll technisch nicht zu anspruchsvoll sein, aber durchaus anstrengend, schließlich reden wir hier über die tiefste Schlucht der Welt, vom Fluss bis zum höchsten Gipfel. Für den Abschnitt des ersten Tages sind rund fünf Stunden veranschlagt. In unserem Hotel in Lijiang fragen wir nach, ob wir eines der Guesthouses in der Schlucht vorab buchen müssen. Unsere Gastgeberin lacht und sagt: „Auf keinen Fall! Da ist niemand. Chinesen wandern nicht.“ 

Das stimmt zum Teil: Nicht richtig ist, dass dort keiner ist, denn westliche Reisende wandern sehr wohl aber natürlich sind das verhältnismäßig wenige Menschen, die sich entlang der Strecke gut verteilen. Ebenfalls nicht ganz richtig ist, dass Chinesen nicht wandern. Die Aussage stimmt zwar zu großen Teilen, aber wir treffen immerhin am ersten Tag drei auf dem Weg. Mit zweien brechen wir gemeinsam auf, wobei eine der beiden Personen schon nach dem ersten Kilometer nicht mehr kann und von nun an auf dem Rücken eines Pferdes, den restlichen Weg zurücklegt. Ein anderer wird ebenfalls auf dem Rücken eines Pferdes an mir vorbeigeführt, während ich gerade dabei bin, den zweiten Aufstieg zu bewältigen und mir sicher bin, aufgrund eines Herzinfarkt bald das Zeitliche zu segnen. 

Als ich mich über die Wanderung in der Tigersprungsschlucht belesen habe, stand da, dass der erste Tag durchaus rough wird, denn da gilt es die sogenannten 28 Serpentinen, einen quälenden und zähen Aufstieg, hinter sich zu bringen. Das Ding ist: Als wir vor den 28 Serpentinen stehen, dachte ich eigentlich, wir hätten sie schon längst hinter uns gebracht, denn wir haben schon einen Anstieg bewältigt und der hat sich sowohl „zäh“ als auch „quälend“ angefühlt. Ich könnte heulen. Der anstrengendste Teil der Wanderung steht uns also noch bevor. Oben angekommen ist die Aussicht wirklich nicht weniger als atemberaubend, aber als wir feststellen, dass wir einen großen Teil der Höhenmeter, die wir überwunden haben, ebenso wie beim ersten Anstieg wieder absteigen müssen, kriege ich schon wieder Schnappatmung und frage mich, ob man diese Wanderung wirklich in fünf Stunden schaffen kann. Man kann. Menschen, die ab und zu wandern gehen und fit sind, schaffen das locker. Menschen wie ich, die sich seit ihrer Pubertät nicht schneller als Schrittgeschwindigkeit bewegt haben und zwischendurch immer mal ein Foto machen, brauchen deutlich länger. Mit uns sind Menschen losgelaufen, die es in den fünf Stunden geschafft haben. Mit uns sind aber auch Menschen losgelaufen, die noch viel länger als wir brauchten und am nächsten Tag kapitulierten. Das Gute: Sobald man es bis in eines der vielen Guesthouses am Weg geschafft hat, lässt sich immer eine Möglichkeit finden, wie man dort wieder wegkommt: Entweder mit dem Pferd, möchte man denn auf dem Wanderweg bleiben, oder mit dem Auto. Also: Auch wenn man noch nie in seinem Leben wandern war oder vielleicht nicht der allerfitteste Mensch on planet earth ist, man kann das einfach mal versuchen. Es lohnt auf alle Fälle: Ich bin offensichtlich kein Experte fürs Wandern aber ich denke, dieser Wanderweg ist wirklich, wirklich, wirklich außergewöhnlich schön – so schön, dass ich jetzt schon befürchte, sollte ich jemals wieder wandern, enttäuscht zu werden…

Nach zwei Tagen wandern fahren wir also wieder zurück nach Lijiang, zurück in das Hotel, in dem wir auch zuvor gewohnt haben. Das wird übrigens von einer sehr liebenswürdigen Familie geführt: Von Oma und Opa bis zum dreijährigen Kind wohnen hier alle in einem Haus. Tagsüber sitzen die Alten im einzigen warmen Raum am Ofen, machen ein Nickerchen, snacken oder bespielen die dreijährige Prinzessin, die nicht nur niedlich, sondern wirklich eine Prinzessin ist – wie eigentlich alle chinesischen Kinder Prinzen und Prinzessinnen sind. Etwas, das wir auch schon in Indien beobachten konnten: Während in Deutschland Kindern zu Beginn ihres Lebens tausende Regeln aufgezeigt und im Laufe der Jahre immer mehr Freiheiten gegeben werden, ist es sowohl in China als auch Indien genau anders herum: Als Kind liegt dir die ganze Welt zu Füßen, du wirst zumeist von vorn bis hinten betüttelt, wenn möglich, bleibt kein einziger deiner Wünsche unerfüllt, doch im Laufe der Jahre wird dir schließlich ein Platz in der Gesellschaft zugeteilt, die Freiheiten werden kleiner, es gibt unzählige Vorgaben, Erwartungen, Verpflichtungen. Diesen zugeteilten gesellschaftlichen Platz jemals wieder zu verlassen, ist für viele nicht nur undenkbar, sondern schlichtweg unmöglich.

Dali: In der Provinz Yunnan gibt es mehr Minderheiten als in jeder anderen Chinas. © www.vayan.de
Die Altstadt von Dali in den frühen Morgenstunden. © www.vayan.de
Shop in Dali. © www.vayan.de
Der Er Hai-See bei Dali. © www.vayan.de
Touristen in der Altstadt von Lijiang. © www.vayan.de
Blick auf die Altstadt von Lijiang, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. © www.vayan.de
Blick auf den Snow Mountain von einer Bushaltestelle in Lijiang. © www.vayan.de
Unterwegs in der Altstadt von Lijiang. © www.vayan.de
Tigersprungschlucht: Ein absurd schöner Wanderweg. © www.vayan.de
Das Wandern in der Tigersprungschlucht ist nicht nur unglaublich schön, sondern auch recht anstrengend. © www.vayan.de
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