Bizarro World Sikkim

Blick vom Tsomgo-See auf den Kangchenjunga. © www.vayan.de

In keinem anderen Bundesstaat Indiens leben weniger Menschen als in Sikkim und es gibt keinen anderen Bundesstaat in Indien, der so schön und dennoch so selten von ausländischen Besuchern bereist wird. Das mag er mitunter seiner umprominenten Lage verdanken: Sikkim ist eine der äußersten nordöstlichen Spitzen Indiens und grenzt im Westen an Nepal, im Norden und Osten an China, im Südosten nach Bhutan. Wer nach Sikkim reist und anschließen weiter durch Indien reisen will, dem bleibt also nichts anderes über, als den gleichen Weg der Hinreise auch bei der Rückreise zu bestreiten. Eine andere Möglichkeit: das Flugzeug, wobei Sikkim selbst keinen Flughafen hat. Der nächste befindet sich Nahe Siliguri, einer farblosen Stadt im Norden des Bundesstaates Westbengalen. 

Doch auch mit dem Zug führt kein Weg an Siliguri vorbei: Sikkim hat kein eigenes Schienennetz und das bevorzugte Transportmittel der Einheimischen hier ist der Jeep, Busse verkehren selten, mancherorts gar nicht. Unsere Zugfahrt von Varanasi nach Siliguri wird im Übrigen 18 Stunden dauern und wir beschließen, da wir mitten in der Nacht ankommen, hier zu bleiben und erst am nächsten Morgen weiterzureisen. Das macht in vielerlei Hinsicht Sinn: Zum einen gibt es am nächsten Tag einen Bus nach Gangtok, der Hauptstadt Sikkims, und zum anderen müssen wir uns noch eine gesonderte Einreiseerlaubnis besorgen. Das indische Visum allein reicht nicht. Der Lonely Planet schreibt: „Sikkims Menschen sind entspannt und herzlich – ein Bundesstaat zum Verlieben! Das mag erklären, warum es Genehmigungsverfahren gibt, die Traveller davon abhalten, zu weit zu reisen oder zu lange zu bleiben. “ Bullshit, people! In Sikkim kann man keinen Meter gehen, ohne über die hier stationierten Militärs zu stolpern: Der Besitz und die Nutzung von Satellitentelefonen ist in Sikkim strengstens verboten. Wer eines hat, dem drohen mehrjährige Gefängnisstrafen. Hinzukommt, dass Sikkim genauer gesagt nicht an die Volksrepublik China grenzt, sondern an Tibet. Ein weiteres empfindliches Thema und noch dazu, weil sich Indien und China politisch nicht freundlich gegenüberstehen. An der Grenze geht es wohl immer hin und her: Erst vor wenigen Wochen soll das chinesische Militär einen Stein über die Grenze nach Indien geworfen haben. Vermutliche einfach, weil man’s kann – eine ziemlich pubertäre Geste, wenn man mich fragt, aber diese Geschichte hören wir mehrfach von Einheimischen. Ob’s stimmt, who knows…

Was das Genehmigungsverfahren angeht, haben wir uns auf das Schlimmste eingestellt, denn wenn es schon die Hölle ist, ein Paket von Indien nach Deutschland zu senden, dann will ich das hier eigentlich erst gar nicht erleben: Unser Bus fährt mittags in Siliguri los und beim Busbahnhof befindet sich auch das Büro der Behörde, die eben diese Genehmigungen ausstellt. Da ich davon ausgehe, dass dieser Prozess einige Stunden in Anspruch nehmen wird, stehen wir bereits morgens um neun vor der Tür: Drei Passfotos, Kopien vom Visum und vom Reisepass, wir sind bestens vorbereitet.

Und was soll ich sagen: Wir kommen rein, eine Mitarbeiterin begrüsst uns mit einem exzellenten Englisch, gibt uns ein paar Formulare, fragt uns, wie lange wir denn bleiben wollen und während wir die Formulare wie besessen ausfüllen, stellt sie uns schon die Einreisegenehmigung aus. „Thank you so much, Mam! That was a very pleasant experience.“ „It’s my duty to serve you.“, sagt sie mit einem freundlichen Lächeln und drückt uns beim Rausgehen noch eine Broschüre in die Hand.

Nachdem wir bereits einen Monat in Nordindien unterwegs sind, trifft uns die freundliche Zugewandtheit der Mitarbeiterin und ihre Professionalität, man muss es so sagen, reichlich unerwartet. Was ich eigentlich erwartet hatte: Wir füllen fantastillionen Formulare aus, irgendwer sagt immer „Not possible.“, es sind mindestens fünf Menschen in den Prozess involviert, eigentlich hat man hat die ganze Zeit keine Ahnung, was da so genau vor sich geht – und während wir innerlich verwelken und uns fragen, ob überhaupt noch jemand von den Anwesenden weiß, dass wir hier sind, stellt irgendwer eine irrwitzige Frage oder kommt mit einer irrwitzigen Anforderung um die Ecke. Doch diesmal ist alles anders: Welcome to Sikkim!

Sikkim: Unsere Auszeit von Indien

Während sich das südliche Sikkim in den Ausläufern des Himalaya befindet, hat man im nördlichen Teil des Bundesstaates schnell die Baumgrenze hinter sich gelassen. Gangtok, die Hauptstadt, liegt formal gesehen im nördlichen Teil Sikkims, aber eigentlich in der Mitte, auf einer Höhe von noch nicht mal 2000 Metern ist es hier zwar bergig, aber auch grün, nachts jedoch sehr kalt. In Anbetracht dessen, dass jeder von uns exakt eine wärmere Klamotte im Rucksack hat, kann man sagen, dass wir auf unsere Reise ins Himalaya-Gebirge nicht unbedingt perfekt vorbereitet sind. Das Gute: Gangtok ist eine Touri-Stadt. Hier kann man einfach alles kaufen. Westliche Touristen finden kaum her, dafür aber umso mehr indische Urlauber. Für die ist Sikkim übrigens genau so traumhaft wie für uns: Wer eine Auszeit von Indien braucht, der reist nach Sikkim. Klare Luft, blauer Himmel, auf keiner der hiesigen Agrarflächen werden Dünger oder Pestizide verwendet, denn jede einzelne dieser Flächen wurde in zertifizierte, organische Landwirtschaft umgewandelt. Sikkim ist der Vorzeige-Bundesstaat Indiens, auch wenn sich die meisten Einheimischen wohl kaum als Inder identifizieren: Ihre Wurzeln liegen in Nepal und Tibet. 

Auf großen Schildern wird im ganzen Bundesstaat darauf hingewiesen, dass das Spucken auf der Straße nicht nur eine schlechte Angewohnheit ist, sondern auch Krankheiten verbreitet, „Keep Sikkim disease free!“, heißt es hier und ich komme um den Eindruck nicht umhin, dass die Einwohner Sikkims auf den Rest Indiens herabschauen: Umweltverschmutzung, Kriminalität, Betrügereien, unzählige Verkehrstote, all das wollen wir hier nicht, erzählen sie uns – selbstverständlich garniert mit Geschichten, wie sie einmal nach Delhi gereist sind und sofort beklaut oder übers Ohr gehauen wurden, hinzu kommt, was sie sonst noch aus den Medien über den Rest Indiens erfahren. 

Vieles in Sikkim wirkt reichlich bizzar, ist man erstmal ein paar Wochen durch Nordindien gereist und das hat vor allem mit der Mentalität der hier lebenden Menschen zu tun: Trotz aller Unterschiede kann man sagen, dass sie einen gemeinsamen Wertekanon, der durchaus mit dem europäischen vergleichbar ist, teilen. Worum es mir dabei ganz klar nicht geht, ist eine Unterteilung in ein Besser oder Schlechter, vielmehr ist es für uns eine wohltuende Verschnaufpause vom Wahnsinn, der vor den Toren Sikkims tobt. In Sikkim werden wir keine Situation erleben, die durch unsere kulturelle Brille betrachtet, übergriffig wirkt: Werden wir hier angesprochen, dann aus ehrlichem Interesse, werden wir hier fotografiert, dann nicht heimlich, wollen wir hier nichts kaufen, auch gut. Bizarro world! Nach ein paar Tagen werden wir vergessen haben, dass wir uns überhaupt noch im Norden Indiens befinden. Wir werden es so sehr vergessen haben, dass wir sogar das Leitungswasser, das man uns hinstellt, trinken. Das hat zwei volle Tage super funktioniert, den dritten verbringen abwechselnd auf dem Klo oder im Bett. Can not recommend!

Sikkims Highlights

Das Himalaya-Gebirge – Mount Kangchenjunga: Unangefochtener Star des kleinen Bundesstaates ist der Mount Kangchenjunga. Mit einer Höhe von 8.586 Metern ist er der dritthöchste Berg der Welt. Wer will, kann hier wandern: Das sind jedoch keine 2-Tages-Treks, sondern eher so Unternehmungen von 10 bis 20 Tagen. So sehr ich auch in den Gedanken verliebt bin, durchs Himalaya zu kraxeln, so sehr ist es auch an der Zeit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen: Das ist nichts für mich, auch wenn ich gern diese Person wäre. Das ist auch der Grund, warum es mich nicht so sehr nach Nepal zieht, weil ich ehrlich gesagt nicht weiß, was man da macht, außer durchs Hochgebirge zu klettern. Das Schöne: Auch ohne den Todes-Trek beschreiten zu müssen, hat man in Sikkim von Städten wie Gangtok, Namchi, Pelling und Ravlanga einen wunderschönen Blick auf den majestätischen Kangchenjunga.

Der Gurudongmar-See: Der Gurudongmar-See ist ein See im Norden Sikkims, mitten im Himalaya am Rande der Tibetischen Hochebene gelegen. Sowohl von Hindus als auch von Buddhisten wird er als heilig verehrt. Man sagt sich, dass der See Wunderkräfte besitzt und kinderlosen Ehepaaren ihren Kinderwunsch erfüllt. Wir wollen hier vor allem hin, weil der See eines der Highlights Sikkims sein soll, nur: Wir dürfen nicht. Obwohl überall von zahllosen Reiseanbietern Touren zum Gurudongmar-See angeboten werden, richten die sich ausschließlich an Inder. Ausländer erhalten keine Einreiseerlaubnis. Zu nah ist man hier an der chinesisch-tibetischen Grenze. Wir entscheiden uns daher zum hässlichen Bruder des Gurudongmar-Sees, zum Tsomgo-See, zu fahren. Warum hässlich? Nun ja, während der Gurudongmar malerisch in eine Hochgebirgslandschaft eingebettet ist und eine durchgehend milchige Farbe hat, ist der Tsomgo-See ein wenig spektakulärer See mit durchgehend braunem Wasser. Klein ist er noch dazu. Wir werden es dennoch nicht bereuen, hierher gefahren zu sein, denn nimmt man vom See die Seilbahn bergauf, wird man – mit etwas Glück – mit einem wunderschönen Blick auf den Mount Kangchenjunga belohnt. Und wir haben Glück. Trotz, dass hier jeder hin darf, brauchen wir auch hier wieder eine gesonderte Einreisegenehmigung, die von den Militärs entlang der Straßen akribisch kontrolliert wird. Dem Himmel sei dank, haben wir in Varanasi unzählige Passbilder anfertigen lassen, denn für jede dieser Genehmigungen bedarf es dreier Bilder.

Pelling, Ravlanga, Namchi und alle die vielen anderen Ortschaften Sikkims: Je weiter südlich man in Sikkim reist, desto grüner und bunter wird es. Selbst jetzt im Winter blüht es noch überall, im Frühling muss es hier einfach unglaublich sein. Das Schöne: Da viele Einheimische von Dorf zu Dorf wandern, gibt es zwischen den einzelnen Dörfern zahlreiche kleine ausgetretene Trampelpfade, denen man einfach mal folgen kann, um zu schauen, was sich am Ende verbirgt. Wandern light quasi, aber nicht weniger anstrengend, denn auch die Ausläufer des Himalaya sind sind bergig und steil. Nur ist man eben nicht auf einem 20-Tages-Trek gefangen. Unterwegs gibt es sowohl religiöse Highlights wie tibetische Kloster oder Tempelanlagen mit riesigen Statuen oder auch eben die eine oder andere Skurrilität wie den Siddheshwar Dham-Themenpark, zu sehen. Das ist ein Themenpark in der Nähe von Namchi, der nichts anderes als ein Hindu-Themenpark ist. Hier wurden hinduistische Heiligtümer im Klein- und Großformat nachgebildet und was soll ich sagen: Wie cool ist das denn bitte?

Blick vom Tsomgo-See auf den Kangchenjunga. © www.vayan.de
Kinder beim Kloster von Namchi. © www.vayan.de
Yak am Tsomgo-See in Sikkim. © www.vayan.de
Sikkim: Tsomgo-See © www.vayan.de
Sikkim: Pflanzenwelt © www.vayan.de
Buddha-Park in Ravlanga. © www.vayan.de
Tsomgo-See in Sikkim. © www.vayan.de
Blick von Ravlanga auf den Kangchenjunga. © www.vayan.de
Frau dreht die Gebetsrollen am Institut of Tibetology in Gangtok. © www.vayan.de
Hindu-Themenpark bei Namchi. © www.vayan.de
Landschaft Sikkims auf dem Weg zum Tsomgo-See. © www.vayan.de
Bogenschießverein in Gangtok. © www.vayan.de
Hindu-Statue beim Kloster von Namchi. © www.vayan.de
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