Auf einen Kiwi Cooler in Jodhpur

Omelette-Shop von Herrn Gawlani am Sadar Market in Jodhpur.

Wie jede größere Stadt im Bundesstaat Rajasthan hat auch Jodhpur einen Namenszusatz und wird die blaue Stadt genannt. Während sich bei Jaisalmer der Zusatz „die goldene Stadt“ bei Sonnenuntergang durchaus noch erklärte, stellt sich in Jodhpur heraus: Hier war ein kluger Marketingkopf am Werk, denn die „blaue Stadt“ ist in Wahrheit nur teilweise blau – und schon das ist eine infame Lüge. Lediglich die Dächer von ein paar Häusern sind blau gestrichen. Einen Blick auf die – nun ja – irgendwie blaue Stadt hat man hoch oben vom Fort. Mir scheint es, dass so ziemlich jede Stadt in Rajasthan ein großes Fort hat – kein Wunder, schließlich herrschten im königlichen Rajasthan über die Jahre einige Mahraradschas – und ich denke mir ja doch so manches Mal: Hat man ein Fort gesehen, hat man alle gesehen. Stellt sich heraus: Stimmt, aber das Fort von Jodhpur ist groß, eigentlich gewaltig und macht mächtig was her. Wir sind beeindruckt genug, um uns das Fort gleich drei Mal anzusehen, zwei Mal versuchen wir ins Fort-Museum zu gehen, werden es aber nie zu den Öffnungszeiten schaffen – irgendwas kommt immer dazwischen. Indien halt.

Jodhpur ist eine große Stadt, das touristische Treiben jedoch spielt sich zum großen Teil rund um den Sadar Market mit dem britischen clock tower (Ghanta Ghar) ab. Hier kann man, wenn man den mag, allerhand Schnickschnack kaufen und ein paar gute Restaurants gibt’s hier auch: In einem der Restaurants werden wir auf Bhopal treffen, die erste indische Person, die uns zu sich nach Hause einlädt und schließlich zu seiner Familie auf’s Land. Und das passierte so…

Wir haben mittlerweile schon eine lange Reise hinter uns und während viele Leute denken, wir machen die ganze Zeit Urlaub, ist unsere Art zu reisen doch sehr anstrengend. Immer nah dran an den Menschen, immer erreichbar, wir sind selten abweisend und wenn, dann aus gutem Grund. Das ist genau das, was wir wollen, aber es kostet auch viel Kraft und so entschließen wir uns, mal wieder richtig gut essen zu gehen, gern auch in ein teures Restaurant, in eines, an dem man an Touristen gewöhnt ist und man uns nicht neugierig anstarrt. Wir wollen ein geiles Getränk aus einem sauberen Glas trinken, Strohhalm ist mir egal, aber Eiswürfel wären der Hammer. Und so kommt es nun, dass wir uns in einem Restaurant mit einem umwerfenden Blick auf den clock tower setzen: Weiße Tischdecken, Getränke, die Kiwi Cooler heißen und Essen, das auf weißem Porzellan serviert wird. Na, das ist doch nice!

Wie wir Bophal in Jodhpur kennenlernen

Außer einer indischen Familie sind im Restaurant eigentlich nur Weißbrote, die meisten davon älter und mit Tourguide unterwegs. So auch der Tisch neben uns. Hier wird, wie das bei europäischen Touristengruppen oftmals so ist, ewig lange in die Karte gestarrt, bis man endlich ein Gericht gefunden hat, dass zwar indisch, aber nicht zu indisch ist. Dem Himmel sei Dank, es gibt auch Bier! Der Guide ist von dem ganzen ermüdenden hin und her deutlich gelangweilt. Er versucht, sich das nicht anmerken zu lassen, ich kann’s trotzdem sehen. Seiner Reisegruppe fällt es nicht auf, vielleicht ist es ihnen aber auch einfach schlichtweg egal.

Nachdem wir gegessen haben, setzen wir uns auf der Dachterrasse an die Bar, wir wollen noch einen dieser grünen Drinks. Und während wir da so sitzen, kommt der Guide vom Nebentisch ebenfalls an die Bar, er seufzt und wir wechseln ein paar Worte miteinander. Viel Zeit bleibt uns nicht, denn seine Anhängsel sind nun auch fertig mit dem Essen und drängen auf die Terrasse. Und während er ihnen sagt, was sie von hier oben noch alles fotografieren können („They are photoholics!“, erklärt er uns müde mit einem Lachen.), lädt er uns wie aus dem Nichts heraus zu sich nach Hause ein. Natürlich nur, wenn wir wollen. Skeptisch frage ich, ob seine Frau das nicht anstrengend findet, wenn er immer Touristen mit nach Hause schleppt. Er sagt: „Mache ich nie. Das kein Hobby oder sowas. Ich weiß auch nicht warum, aber ich mag euch. Also, wenn ihr wollt, dann treffen wir uns morgen Nachmittag um fünf, wenn ich Feierabend habe, am clock tower und wir fahren zu mir. Das ist etwas außerhalb von Jodhpur. Sorry, aber das Tuk-Tuk müsst ihr dann selbst bezahlen, ich bin mit dem Moped unterwegs.“ Entwaffnet von der Geschwindigkeit, mit der das alles hier passiert, sagen wir zu. Schnell tauschen wir noch Telefonnummern aus. Die Touris haben alles abfotografiert, Bophal muss los.

Wir bleiben einigermaßen ratlos zurück. Ein Touri-Guide, der zu sich nach Hause einlädt, betont, dass wir das Tuk-Tuk selbst bezahlen müssen, das kann alles ein riesiger Scam sein: Am Ende müssen wir vielleicht einen horrenden Preis für das Fahrt bezahlen, werden ausgeraubt…oder was auch immer. Wie gesagt: Das Internet ist voller solcher Geschichten. Nun ist die Sache aber so: Wenn das ein Scam ist, dann doch ein unkalkulierbarer mit wenig Gewinnaussichten. Bophal ist ein gebildeter Mann, der könnte das deutlich klüger und vor allem deutlich effektiver angehen. Mein Bauchgefühl sagt, wir probieren das. Ein bisschen mulmig ist uns dabei aber schon.

Auf ein Butter Sweet Cheese-Omelett bei Herrn Gawlani

Da der kommende Tag mit Familienbesuch gewiss anstrengend wird, lassen wir diesen so dahin ziehen. Am nächsten Morgen frühstücken wir nicht im Hotel, sondern am Sadar Market, wir wollen eines der berühmten Omeletts von Herrn Gawlani essen. 

Der kleine Omelette-Shop ist kein Geheimtipp. Während es in Jodhpur außerhalb der hoteleigenen Restaurants einigermaßen teuer ist, zu frühstücken, brät Herr Gawlani hier köstliche Omelettes für ein paar wenige Rupien. Das macht er übrigens schon seit 1974, doch seit der Lonely Planet einmal hier war, hat sich für Herrn Gawlani und seine Familie viel verändert. Touristen aus aller Welt sind verrückt nach seinen Omeletts, bis zu 10.000 Eier landen jede Woche in seiner verrußten, gußeisernen Pfanne. Mister Gawlani ist mittlerweile nicht nur ein wohlhabender Mann, sondern auch ein berühmter. Selbst eine Journalistin der Süddeutschen war schon einmal hier. Der Artikel der Printausgabe gilbt in einem Rahmen am Stand so vor sich hin und man wird den Eindruck nicht los, Herr Gawlani kann mit dem ganzen Rummel wenig anfangen, für die deutschen Touristen zeigt er dennoch kurz mit einem bescheidenem Lächeln auf den Bilderrahmen.

Jodhpur: Eingerahmter Zeitungsartikel am Omelette-Shop von Herrn Gawlani.

Zwei Butter Sweet Cheese-Omelettes später, machen wir uns in der gleißenden Mittagssonne auf den Weg Richtung Fort, biegen aber auf der halben Strecke zum berühmten Tempel Udai Mandir ab, der auch das kleine Taj Mahal genannt wird. Eine übertriebene Zuschreibung, obgleich die Tempelanlage durchaus hübsch ist. Ein kleines Taj Mahal ist sie dennoch nicht. Wir vertrödeln viel Zeit, stellen irgendwann fest, dass wir uns nun schon wieder eilig haben, punkt fünf sollen wir am clock tower sein. Also noch schnell unter die Dusche und ein kleines Gastgeschenk besorgen, ich tauche ungern irgendwo mit leeren Händen auf.

Kaum am clock tower angekommen braust auch Bophal mit seinem Moped vor. Er wirkt gestresst, wenn auch freudig. Schnell organisiert er nun ein Tuk-Tuk, das uns irgendwo in der Nähe seines Hauses an einem Kreisverkehr rauswerfen soll. Dort werden wir uns treffen, er kommt mit dem Moped nach. Wieviel das Tuk-Tuk kosten wird, fragen wir mit einer gesunden Portion Argwohn. „200 Rupien. Und gebt ihm bloß nicht mehr!“, ruft er uns noch hinterher. Für eine Strecke von mehr als zehn Kilometer ist das ein sehr guter Preis, keiner den Touristen jemals aushandeln könnten – zumindest nicht in einer Touristenhochburg wie Jodhpur. 

Den Bus und das Opium müsst ihr aber selbst bezahlen

Dreimal mit dem Augen gezwinkert und schon sitzen wir in Bophals Haus, das unerwartet groß ist. Seine Frau kocht uns Chai, sogar zwei Biere haben sie besorgt, denn das mögen Ausländer, weiß Bophal. Ich verzichte, S freut sich, Bophal erzählt von seiner Familie, wir tauschen aufgeregt allerhand Nettigkeiten aus, Fotoalben werden rausgeholt und — in typisch indischer Manier — in rasender Geschwindigkeit durchgeblättert. Mit dabei sitzt einer von Bophals Söhnen: Hrishipal beäugt uns neugierig, spricht wenig und wird uns als der Sohn vorgestellt, der noch zu Hause wohnt, weil er leider keinen Job hat. Der Looser-Sohn gewissermaßen, wenn auch der älteste. 

Bophals Frau werden wir kaum zu Gesicht bekommen, sie ist die meiste Zeit in der Küche. So vergeht der Abend, S ist nach einem halben Bier schon reichlich angetütert, Bophal ist begeistert von uns: Wir erzählen von unserer Reise, von der Gastfreundschaft im Iran, den vielen herzlichen Einladungen. Davon offensichtlich angestachelt, checkt Bophal seinen Teminkalender. Morgen und übermorgen hat er keine Touren, hat also frei, wenn wir wollen können wir ihn gern aufs Land begleiten. Da wurde er geboren, heute wohnen dort noch seine Mutter und seine Schwester. Er will uns das richtige Indien zeigen: Fernab von den Städten, fernab von den Betrügereien und all dem Touri-Kram.

Aber eine Sache ist ihm wichtig: So wie im Iran, wo man immer alles für die Gäste zahlt, läuft das in Indien nicht: Gern können wir kostenfrei bei ihm schlafen und essen, aber für die Fahrkosten und das Opium sollen wir doch bitte selbst aufkommen. Ich meine mich verhört zu haben und frage nach. Er wiederholt: Die Fahrt mit dem Bus und das Opium müssen wir bezahlen, alles andere übernimmt er. S verschluckt sich am Bier, ich bin irritiert und sage mit fragendem Blick: „Opium?“

Ja, ja, sagt er. Er ist nur selten noch zu Hause, wenn er sich blicken lässt, dann muss schon was besonderes passieren und Opium ist „cultural habit“, „For fun, you know?“ Nee, weiß ich nicht, denn wenn er Opium sagt, höre ich Heroin, sehe das Buchcover von „Christiane F. Kinder vom Bahnhof Zoo“ vor meinem inneren Auge aufblitzen und auf einer indischen Bahnhofstoilette dahin zu vegetieren klingt für mich nach no fun at all.

Also beeilen wir uns zu sagen: „We don’t do drugs.“ Sagt er: Müsst ihr auch gar nicht. Das machen nur nur die Dorfältesten. „Cultral habit. Tradition. For fun, you know?“ Naja, wir sind uns unsicher, vielleicht ist das ein nettes Angebot, vielleicht auch Touristen-Abzocke, wir wollen das in Ruhe entscheiden. Er sagt: „Kein Problem. Meldet euch einfach morgen früh, dann können wir am Nachmittag los oder auch nicht.“ Er würde sich jedenfalls freuen, seine Mutter mal wiederzusehen und sich auf dem Dorf blicken zu lassen. Das wäre doch eine wunderbare Gelegenheit.

Als wir uns am späten Abend verabschieden, drückt uns Bophal noch das andere Bier in die Hand, denn das trinkt hier sonst niemand. Seine Frau umarmt mich zum Abschied mehr als herzlich, gibt mir noch zwei Armreifen als Geschenk mit, sie ist sichtlich angetan von unserer Anwesenheit, ebenso wie der arbeitslose Hrishipal, der uns während des ganzen Abends mit großen Augen angestaunt hat. Eines ist klar, Touristen bringt Bophal sonst wirklich nicht mit hierher.

Zurück im Hotel werten wir das als gutes Zeichen, schlafen noch eine Nacht drüber, stornieren am nächsten Morgen spontan unseren Zug nach Udaipur und rufen schließlich Bophal an: Wir kommen gerne mit! Er freut sich auf eine sehr ehrliche Art und Weise, wir wissen noch nicht genau, ob wir uns freuen sollen, denn der Tag wird von nun an hektisch: Denn bevor wir uns mit Bophal treffen, müssen wir auf alle Fälle endlich mal zur Post, denn seit S sein neues Objektiv hat, können drei andere wieder zurück nach Deutschland. Auch die vielen kleinen Geschenke, die wir im Iran bekommen haben, müssen aus unseren Rucksäcken raus. An der Post führt also kein Weg vorbei, wir werden den Krempel auf keinen Fall durch ganz Indien schleppen – und wer schon einmal versucht hat, ein Paket von Indien nach Deutschland zu schicken, der weiß, das ist das Tor zur Hölle… >> hier lesen

So geht’s weiter: Wir reisen mit Bophal nach Sodawas

Herr Gawlani in seinem Omelette-Shop in Jodhpur.
Jodhpur: Blick auf den Sadar Market mit dem clock tower.
Blick auf das Fort von Jodhpur.
Tempel im Fort von Jodhpur.
Jodhpur: Blick auf die blaue Stadt.
Im Fort von Jodhpur.
Udai Mandir-Tempel in Jodhpur.
Schuhe des Tempelwächters am Udai Mandir.
Omelette-Shop von Herrn Gawlani am Sadar Market in Jodhpur.
Jodhpur: Eingerahmter Zeitungsartikel am Omelette-Shop von Herrn Gawlani.
Jodhpur: Das Butter Sweet Cheese-Omelette von Herrn Gawlani ist eine echte Entdeckung.
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