Auf 4 bis 40 Tees in Teheran, Iran

Teheran: Backpacking durch den Iran

In Berlin eingestiegen, sechs Flugstunden, zwei Cola und eine zerkochte Pasta später, landet unser Flieger in Teheran. Die meisten Menschen im Flugzeug haben iranische Wurzeln, irrsinnig viel Gepäck dabei, kaum eine der mitreisenden Frauen trägt ihr Kopftuch. Das ändert sich schlagartig als das Flugzeug wackelig zur Landung ansetzt. Die islamischen Kleidervorschriften sind streng und betreffen keinesfalls nur Frauen: Auch Männer in Shorts werden nicht geduldet.

Für Frauen gilt es, weite Kleidung zu tragen, weites Oberteil, weite Hose oder Rock und darüber noch etwas, das deutlich über den Hintern geht, dann noch den Hidschāb um den Kopf binden und damit ist alles gut – aber eben auch sehr warm. Ende September sind in Teheran noch immer deutlich über 30 Grad, Sightseeing in der Mittags- und Nachmittagshitze kann somit zur Herausforderung werden.

 Teheran ist die Hauptstadt Irans, nahezu neun Millionen Menschen leben hier. Was das bedeutet, fällt einem spätesten auf, wenn man in der Rushhour mit der U-Bahn oder mit dem Auto fährt. Als wir in Teheran landen ist es kurz vor Mitternacht und noch immer walzt sich der Verkehr zähflüssig durch die Stadt und legt einen Dunstglocke aus Smog über sie. Ich habe einmal gelesen, es sei gesünder 40 Zigaretten am Tag zu rauchen, als einen Tag die Luft Teherans einzuatmen. Am Rauchen hindert das die Iranis freilich nicht. Wobei mehrheitlich eigentlich nur Männer rauchen, bei Frauen ist dies nicht gern gesehen. Doch lernt man Frauen der iranischen Oberschicht kennen, zeigt sich ein anderes Bild. Noch cooler ist man nur, wenn man sich die Nase operieren lässt. In keinem anderen Land Welt werden so viele Nasen-OPs wie im Iran durchgeführt. Wer das Geld hat, kommt kaum daran vorbei, Mann wie Frau. Während man in Deutschland Schönheitsoperationen lieber verschweigt, trägt man im Iran das Pflaster auf der Nase mit Stolz. Nichts sagt mehr „Ich habe es geschafft.“ als dieses Pflaster.

Teheran ist Universitätsstadt, Handelsstadt und wichtigster Verkehrsknotenpunkte des Iran – und wie das so mit Hauptstädten ist, ist sie auch die modernste Stadt des Landes. Neben sehr traditionell gekleideten Frauen, gibt es in Teheran zahlreiche – vor allem junge – Frauen, die die islamischen Kleidungsvorschriften recht großzügig auslegen: Während es unter jungen Teheranerinnen durchaus üblich ist, den Hidschāb möglichst locker und weit hinten am Kopf zu tragen, ist es schon weniger üblich, die Knöchel nicht zu bedecken und noch unüblicher ist es, zwischen Hose und Shirt ein klitzekleinwenig Bauch blitzen zu lassen. Letzeres habe ich aber auch nur einmal gesehen. Man muss es schon als mutig bezeichnen, wenn sich die iranischen Frauen der islamischen Kleiderordnung widersetzen, schließlich ist die Sittenpolizei im ganzen Land unterwegs und die Strafen sind durchaus empfindlich. Mein Eindruck: Es kommt selten vor, dass etwaige Verstöße geahndet werden, doch wenn es passiert, dann will man nicht in den Schuhen der betreffenden Person stecken, dann ist man wirklich am Arsch.

Teheran ist riesig: Der Süden der Stadt ist eher arm, der Norden eher wohlhabend mit der Tendenz zu reich. Straßenkriminalität gibt es kaum. Wir haben ein cooles Hostel in Südteheran gefunden und dort im Hinterhof eine Yurte bezogen, schlafen unter freiem Himmel und haben dennoch ein Dach über dem Kopf. Mit der Metro ist es von hier auch nicht mehr weit bis in Zentrum, in das man hauptsächlich fährt, weil man entweder auf dem Großen Basar shoppen will (so voll, wirr und anstrengend, ich bin gar nicht erst reingegangen), oder sich eine der Sehenswürdigkeiten Teherans ansehen will wie zum Beispiel den Golestanpalast (großer Palastkomplex, der von der Verschwendungssucht der kadscharischen Herrscher zeugt). 

Frauen auf den Straßen Teherans
Teheran: Ausblick vom Museum der islamischen Revolution und der heiligen Verteidigung
Teheran: Soldaten vor dem Museum der islamischen Revolution und der heiligen Verteidigung.
Teheran: Interessierte Iranerinnen im Museum der islamischen Revolution und der heiligen Verteidigung.
Teheran: Ausblick vom Museum der islamischen Revolution und der heiligen Verteidigung
Straßenszene in Teheran, Iran
Teheran: Innenaufnahme Golestanpalast
Teheran: Momentaufnahme im Golestanpalast
Teheran: Garten im Golestanpalast
Teheran: Garten im Golestanpalast
Teheran: Prunk im Golestanpalast
Restaurant in Qom, Iran
previous arrow
next arrow
Slider

Teheran: Hassan, Andrej und das Propagandamuseum

Was die ersten Tage in Teheran so besonders gemacht hat, sind vor allem die Menschen: Zuerst war da Hassan. Hassan ist der Inhaber eines Elektonikfachgeschäfts in Teheran.

Auf der Suche nach einer iranischen SIM-Karte sind wir in seinen Laden gegangen. Keine Ahnung, was er da genau verkauft, SIM-Karten jedenfalls nicht. Also hat er kurzerhand einfach seinen Laden geschlossen und uns zur Post begleitet und das mit der SIM organisiert. Alles in allem hat das schon eine ganze Stunde gedauert. Damit nicht genug: „Wollt ihr noch einen der ältesten zorastischen Tempel Teherans sehen?“ „Ja, klar! Aber muss die nicht zurück in deinen Laden?“ „Kein Problem. Ist nicht weit.“ 

Kaum dort angekommen, treffen wir auf Cassy und Mohammed, die von der alten Dame an der Pforte nicht in den Tempel gelassen werden. Ein paar Worte von Hassan genügen und schon sind wir alle drin – zumindest nachdem Cassy und ich geschworen haben, dass wir gerade nicht unsere Periode haben. Dann gilt die Frau nämlich als unrein und darf nicht jede Moschee betreten. Der Tempel ist hübsch und schon sagt Hassan: „Kommt! Lasst uns alle noch einen Tee zusammen trinken!“ Und schon sitzen wir im Hinterhof eines kleinen Teehauses. Hier werden wir zwei Stunden bleiben. Hassan ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, angesiedelt in der iranischen Mittelschicht, hat sogar mal für ein paar Tage für Siemens in Deutschland gearbeitet, ist gebildet und äußerst freundlich. Nur mit seinem Namen ist er nicht ganz zufrieden: „Unfortunatly an arabic name.“ Schlussendlich hat uns Hassan mehr als drei Stunden seiner Zeit geopfert. Zwar hat er zwischendurch – Geschäftsmann der ist – jemanden angerufen, damit der Laden wieder besetzt ist, nichtsdestotrotz ist das mehr als großzügig. Unnötig zu erwähnen, dass er den Tee beim Gehen für uns alle bezahlt hat.

Unterdessen treffen wir nachts im Hostel auf Andrej, einen polnischen Diplomaten, der in Amsterdam lebt und vor einigen Jahren das erste Mal in den Iran gereist ist. Damals fragte ihn ein befreundeter Fotograf, der im Auftrag der National Geographic unterwegs war, ob er ihn mit in den Iran begleiten möchte.

Andrej lachte ihn aus, schließlich sei er ja noch zu jung zum Sterben, stieg letztlich doch in den Flieger und im Iran wieder aus. Seither ist kein Jahr vergangen, in dem Andrej nicht im Iran war. Spontan beschließen wir am nächsten Tag einen Roadtrip zu machen. Andrej hat einen Mietwagen und ich denke, er ist einer von fünf Nicht-Iranern, die im teheraneschen Verkehrschaos bestehen können. Gemeinsam fahren wir ins 150 Kilometer entfernte Qom südlich von Teheran. Andrej hat hier bei seinem letzten Besuch ein unglaublich gutes Restaurant entdeckt und – Allah sei dank – die Adresse noch immer in Maps gespeichert. Hier werden gemeinsam mit iranische Familien zu Mittag essen, mit den Mitarbeitern scherzen und quatschen und uns schließlich auch noch eins, zwei Moscheen ansehen, wobei wir die zentrale Moschee, für die Qom so bekannt ist ausgelassen haben. Dafür sind wir zu einer großen Anlage außerhalb der Stadt gefahren.

Frauen und Männer haben hier separate Eingänge und als wären 30 Grad mit all den Klamotten nicht genug, muss ich mir über meinen Mantel und mein Kopftuch noch einen Ganzkörper-Hidschāb (im Grunde nichts anderes als ein Bettlaken) werfen. Während mich der Hitztod zu ereilen droht, schlendern S und Andrej gemütlich über den großen Vorplatz in Richtung Moschee. Auch hier wieder zwei separate Eingänge: Die Atmosphäre drinnen kann ich nicht anders als schön beschreiben: Kinder spielen und snacken, so manches hat wie ich mit dem Bettlaken zu kämpfen, die Frauen sitzen auf großen schweren Teppichen, unterhalten sich oder beten. Als ich wieder nach außen trete hält mir eine der Frauen den massigen Vorhang, der die Sicht nach draußen verwehrt zur Seite. Ich bedanke mich auf Farsi, wir lächeln uns an, sie streichelt mir kurz liebevoll über den Rücken. Mein Körper hat mittlerweile eine Temperatur von circa 50 Grad, doch für diesen Moment hätte ich mir auch noch ein zweites Bettlaken übergeworfen, wenn es denn sein müsste.

Das „Museum der islamischen Revolution und der Heiligen Verteidigung“ ist entgegen der ersten Vermutung ein fröhlicher Ort: Soldaten kommen hier her, albern herum und lassen sich auf den Panzern im Außenbereich fotografieren, während sich andere Besuchergruppen bereits im Eingangsbereich mit zahlreichen Snacks eindecken.

Ein bisschen verwirrend ist das schon, wenn bedenkt, dass die Munitionskisten, die heute als Sitzgelegenheiten fungieren, vor nicht allzu langer Zeit im Einsatz waren. 

Wir betreten kurz vor einer Besuchergruppe von circa 30 – 40 Mädchen und Frauen die Ausstellung. Schnell wird klar, niemand hier interessiert sich mehr für die Kriegsgreuel, nun sind wir das Highlight der Ausstellung – oder besser gesagt ich, denn S ist als Mann für Frauen gewissermaßen untouchable. Langsam pirschen sich zwei Frauen der Gruppe an mich heran, ein scheues Lächeln, ein herzliches Lächeln und ein freundliches „Salam!“ von mir und schon ist das Eis gebrochen. Nur eine Frau aus der Gruppe spricht Englisch. Sie wird von nun an übersetzen, was die Mädchen fragen und ich antworte. „How do you like Iran?“, „Are you comfortable wearing a Hidschāb?“, „Are you married?“ ist das, was die Mädchen- und Frauengruppe am meisten interessiert. Am Ende der Ausstellung angekommen, habe ich mit nahezu allen Frauen der Gruppe ein Foto gemacht, jede sendet es sofort an Freunde und Familie. Wir verabschieden uns herzlich und die eine der Frauen ruft zum Abschied „You are so sweeeeeeet!“

Was soll ich sagen, Leute? Ihr auch, ihr auch!

Für uns geht es nun mit dem Nachtzug weiter nach Tabriz (Aserbaidschan, Iran). Eine Zugfahrt, die schöner nicht hätte sein können…

Kommentare (8)

  1. Mario Kraft-Winkler

    Hallo Theresa,

    Es ist schön dass ich dir auch Folgen kann. Ich finde es sehr aufregend mit dir quasi mit Reisen zu können. Ob wohl ich in Deutschland bin. Ich finde es sehr bewegend wie du die Menschen in Iran beschreibst. Und das ihr so mutig seid euch auf das Land und die Menschen einzulassen. Sei gedrückt 😘

  2. Liebe Theresa, mit großer Spannung habe ich deinen ersten Beitrag erwartet! Tausend Dank für deine Art zu reisen und zu schreiben!
    Ich denke an euch und bin so glücklich durch deine Bilder und Worte mit euch auf Reisen sein zu dürfen.
    Seid umarmt!

  3. Ohhhh Theresaaa!!!

    Es ist ein Heidenspaß deinen Blog zu lesen! Die Frankfurter sagen da nur „Liebs!“ und „Bester Blog“! Ich freu mich auf die nächste Geschichte!!
    Grüße an S, trudelt schön weiter!

    xox

  4. Ah btw, hast was hast du denn den Girls zu „Are you married?“ geantwortet und wie haben sie reagiert?

    (nicht als Kommentar veröffentlichen)

    • Ich habe tatsächlich ehrlich geantwortet und erstaunlicherweise war als erste Reaktion ein kurzer Moment der Überraschung in den Augen zu sehen und dann gleich die Frage, ob es nicht sehr schwer wäre, als unverheiratetes Paar durch den Iran zu reisen. Mittlerweile sind S und ich aber fake-verheiratet. Mit der Version der Wahrheit fühlen sich alle wohler, insbesondere, wenn man sich in Nachtzügen ein gemischt-geschlechtliches Abteil teilt oder bei Familien übernachtet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.